Wirtschaftsboom in Kambodscha

Hohe Wachstumsraten, mehr Auslandsinvestitionen und bescheidenes Lohnniveau

Kambodschas Langzeit-Premier Hun Sen hat am 7. Januar die gute wirtschaftliche Entwicklung des Landes unterstrichen. Es ist eine Erfolgsgeschichte, präsentiert am Nationalfeiertag, an dem des Sieges der vietnamesischen Befreier gegen die mörderische Rote-Khmer-Diktatur vor 41 Jahren gedacht wurde. Allerdings sind manche Zahlen, mit denen der Regierungschef operierte, fragwürdig. Das trifft insbesondere auf die von ihm verkündete Arbeitslosenquote von 0,3 Prozent zu. Der Anteil jener Menschen, die zumindest keinen gesicherten Job haben, dürfte um einiges höher liegen. Auch dass lediglich zehn Prozent der Bewohner offiziell als »arm« gelten, ist eine Aussage, die sich an niedrigen nationalen Grenzwerten orientiert.

Dennoch wuchs die Wirtschaft auch im zurückliegenden Jahr um 7,1 Prozent, wie aus jüngsten Zahlen hervorgeht. Das nationale Durchschnittseinkommen pro Kopf, so Hun Sen in seiner Rede, sei zuletzt von umgerechnet 1.548 auf 1.679 US-Dollar angewachsen. Das ist ein Fortschritt, auch wenn sich Einkommen sehr stark differieren. Insgesamt sind die ökonomischen Grunddaten gut. So konnte das Königreich 2019 einen Zuwachs bei den ausländischen Direktinvestitionen von 11,7 Prozent auf 3,588 Milliarden US-Dollar (3,21 Milliarden Euro) verzeichnen, wie ein Ende Dezember vorgelegter Bericht der Staatsbank besagt. Allerdings entfallen davon nur 1,2 Milliarden auf den produktiven Bereich – der Großteil floss in den Finanzmarkt.

Das meiste Geld kommt aus China. Der Riese aus der erweiterten Nachbarschaft zeichnet für knapp die Hälfte (43 Prozent) der Investitionen verantwortlich – nicht zuletzt weil Kambodscha zum Kreis jener Länder gehört, die Beijing mit seiner »Belt and Road Initiative« alias »neue Seidenstraße« vor allem in der Infrastruktur anbinden und vernetzen will. Zweitgrößter Auslandsinvestor ist Südkorea (elf Prozent), gefolgt von Vietnam (sieben) sowie Japan und Singapur mit jeweils sechs Prozent.

Die Projekte im produktiven Bereich ähneln sich stark. Allein am 6. Januar gab der nationale Entwicklungsrat (CDC) die Genehmigung für vier weitere Vorhaben (17,2 Millionen Dollar) bekannt, die knapp 1.500 neue Arbeitsplätze schaffen sollen. Es handelt sich um eine Lederhandtaschen- und eine Textilfabrik samt Großwäscherei, dazu eine Anlage zur Garnherstellung und eine Fertigungsstätte für Plastiktüten. Fazit: Die auf Exporte orientierte Textilbranche bleibt ein Schwerpunktsektor. Durch verschiedenste Faktoren, nicht zuletzt das niedrige Lohnniveau, sei Kambodscha attraktiv für ausländische Investoren, befand Hong Vanak von der Royal Academy of Cambodia. Die Tageszeitung Phnom Penh Post zitierte ihn zu Jahresbeginn allerdings auch mit der Prognose, das Investitionsvolumen könne demnächst wieder abnehmen, die Zahl neuer Projekte vielleicht schon dieses Jahr zurückgehen.

Seit 1. Januar erhalten Beschäftigte in der Textilbranche mit umgerechnet mindestens 190 Dollar monatlich 4,4 Prozent mehr als bisher. Nicht zuletzt unter dem Druck möglicher Handelseinschränkungen seitens der EU wurde damit der staatlich festgelegte Mindestlohn erhöht und ist inzwischen knapp doppelt so hoch wie 2014. Das ist nicht zuletzt auch Ergebnis starker Arbeitskämpfe der Gewerkschaftsverbände im Textilsektor. Gemessen an den gestiegenen Lebenshaltungskosten gerade im Raum Phnom Penh, wo viele der Fabriken stehen, ist der Lohnzuwachs allerdings weiter viel zu gering.