Über 600 Coronavirus-Fälle in Südkorea – Fehlerhafte Virentests an Bord der „Diamond Princess“

Die südkoreanische Regierung ruft wegen hunderte neuer Infektionen die höchste Warnstufe aus. Aus Japan werden unterdessen massive Behandlungsfehler bekannt.

Tokio Nach der rasanten Verbreitung des Coronavirus in den vergangenen Tagen in Südkorea hat die Regierung die höchste Warnstufe für Infektionskrankheiten ausgerufen. Präsident Moon Jae In gab diese Entscheidung über das in Covid-19 getaufte Virus nach einer Krisensitzung der Regierung am Sonntag bekannt. „Der Covid-19-Fall steht an einem kritischen Wendepunkt“, sagte Moon. Die Regierung werde das Krisenmanagement „drastisch verstärken.“

Auslöser der Entscheidung ist ein deutlicher Anstieg der identifizierten Virusfälle. Waren vor einer Woche nur wenige Dutzende Infizierte bekannt, stieg die Zahl positiver Befunde allein am Sonntag um 169 auf 602 Menschen. Zudem starben drei weitere Patienten an den Folgen einer Covid-19-Infektion. Damit forderte das Virus, das tödliche Lungenentzündungen auslösen kann, bereits fünf Tote in Südkorea.

Selbst das US-Außenministerium reagierte. Bereits am Sonnabend verschärfte es seine Reisewarnung für Südkorea und auch für Japan auf die zweite von insgesamt vier Stufen. Damit rät die US-Regierung bei Reisen in Chinas östliche Nachbarländer zu „erhöhter Vorsicht“. Die Warnstufe vier gilt nur für China und ermahnt US-Bürger, von Reisen in das Epizentrum der Coronavirus-Welle gänzlich abzusehen.

Sowohl in Südkorea als auch in Japan wurden Menschen mit dem neuartigen Covid-19-Virus infiziert, die nicht in China waren und auch keinen Kontakt zu chinesischen Touristen hatten. Beide Länder haben „eine andauernde Ausbreitung in Gemeinden“ gemeldet, erklärt das US-Außenministerium seine Warnung.

Die Infektionswege sind unvorhersehbar

Wie schwer die Infektionswege vorherzusehen sind, zeigt die Epidemie in Südkorea. Die plötzliche Welle begann mit zwei Infektionsherden, einer Kirche einer christlichen Sekte in der Millionenmetropole Daegu und dem Daenam-Krankenhaus in der benachbarten Stadt Cheongdo.

In der Sekte hatte ein „Super-Spreader“ besonders viele Gemeindemitglieder angesteckt. So werden Infizierte bezeichnet, die besonders viele Viren übertragen und damit zu Katalysatoren einer Epidemie werden können. In Daegu blieben daher bereits vor der Verhängung der höchsten Warnstufe die meisten Menschen zu Hause, um die Ausbreitung des Virus zu bremsen.

Doch auch Unternehmen in anderen Landesteilen bemerken die Folgen des Virus. Der größte südkoreanische Konzern Samsung Electronics hat über das Wochenende ein Smartphone-Werk in der Stadt Gumi etwas nördlich von Daegu geschlossen, nachdem bei einem Arbeiter das Virus festgestellt worden war. Die Personen, mit denen der Infizierte Kontakt hatte, bleiben nun für 14 Tage in Selbstquarantäne zuhause. Die Fabrik wird derweil desinfiziert, um am Montag die Produktion aufnehmen zu können.

Die Regierung arbeitet zudem mit den Großkonzernen des Landes zusammen, um die Löcher in der Lieferkette von Bauteilen für Autos und Halbleiter schneller zu stopfen, die die Epidemie in China gerissen hat.

So hat die Regierung die Importzölle für Bauteile, die eingeflogen werden, auf das Niveau per Schiff gelieferter Produkte gesenkt. Außerdem hat die Regierung auf Antrag des Konglomerats SK mehr Cargo-Flüge zwischen China und Südkorea zugelassen, um wichtige Chipbauteile nachzuliefern.

Japan startet mit Testskandal ins Krisenmanagement

In Japan sind bislang zwar weniger Infektionen bekannt geworden als in Südkorea, wenn man die mittlerweile 690 Befunde vom Kreuzfahrtschiff Princess Diamond außer Acht lässt. In der Statistik standen am Sonntag lediglich 135 Fälle. Allerdings bestehen Zweifel an den Angaben der japanischen Gesundheitsbehörden.

So meldete der öffentlich-rechtliche TV-Sender NHK, dass die meisten Beamten, die an Bord der Princess Diamond die Quarantäne geleitet hatten, nach Verlassen des Schiffs nicht auf das Virus getestet worden waren. Insgesamt haben NHK zufolge rund 90 Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums auf dem Schiff gearbeitet. Überprüft wurden offenbar aber nur Beamte, die entsprechende Symptomen einer Erkrankung zeigten, obwohl es Krankheitsfälle mit Ansteckungsgefahren gibt, die zuvor keine Symptome zeigten.

Selbst bei den Virentests an Bord der „Diamond Princess“ im Hafen von Yokohama pfuschte das Ministerium. So musste Gesundheitsminister Katsunobu Kato eingestehen, dass 23 Passagiere vor Verlassen des Schiffs nicht abschließend auf Covid-19 getestet worden waren. „Ich bereue unseren Fehler zutiefst“, sagte Kato zu Reportern. „Wir werden unser Bestes geben, derartige Fehler nicht zu wiederholen.“

Der Fall befeuert die Kritik an der Beendigung der zweiwöchigen Quarantäne auf dem Kreuzfahrtschiff. Zwar bat das Ministerium alle Passagiere, die negativ auf Covid-19 getestet worden waren, sich für weitere zwei Wochen selbst zu isolieren. Denn Experten erwarteten, dass sich in dieser Gruppe vermutlich einige Personen befinden, bei denen das Virus noch in der Inkubationszeit und damit nicht nachweisbar war.

Mehrere dieser Fälle sind bei US-Bürgern aufgetreten, die vorher evakuiert worden waren. Auch eine 50-jährige Passagierin aus Japan wurde mittlerweile positiv auf den Virus getestet, die vor Verlassen des Schiffes noch virenfrei zu sein schien. Sie und ihr Mann hatten anschließend öffentliche Verkehrsmittel für die Heimreise genutzt und in Supermärkten eingekauft.

Insgesamt wurden 969 Passagiere aus der Quarantäne entlassen, die 690 positiven Fällen in Isolierstationen an Land verlegt. Auf dem Schiff warten aber einige Passagiere noch immer darauf, von den Behörden ihrer jeweiligen Herkunftsländer abgeholt zu werden. Die rund 1000 Crewmitglieder wiederum müssen die Ergebnisse abwarten, ob sie sich während der Bewirtung der Passagiere angesteckt haben.

Mittlerweile hat sich auch Japans Kaiser Naruhito zu Wort gemeldet. „Dieses neue Coronavirus ist eine Sorge“, sagte er am Sonntag während einer Rede zu seinem 60. Geburtstag. „Ich möchte den Infizierten und ihren Familien mein Mitgefühl aussprechen.“

Deren Zahl dürfte noch wachsen. Denn Covid-19 könnte sich weitaus schneller und weiter verbreiten als frühere Virus-Epidemien. Bei der Sars-Epidemie im Jahr 2003, die ebenfalls schwere Lungenentzündungen auslösen konnte, war die Sterblichkeit zwar erheblich höher als bei Covid-19. Aber dafür war Sars nur nach dem Auftreten von Symptomen ansteckend.

Vom neuen Coronavirus hingegen geht auch dann eine hohe Ansteckungsgefahr aus, wenn die Infizierten keine oder nur sehr leichte Symptome zeigen. In Südkorea und Japan folgen daher immer mehr Menschen dem Schutzprotokoll: Hände oft desinfizieren, draußen Masken tragen und Menschenansammlungen nach Möglichkeit vermeiden.