Thailändische Dissidenten im Exil: „Sie werden uns finden, verschleppen, töten“

Zwei Kritiker der thailändischen Militärregierung wurden ermordet. Seither leben nach Laos und Vietnam geflüchtete Dissidenten in Angst. Der Einfluss der Junta reicht offenbar über Thailands Grenzen hinaus.

Niemand soll wissen, wo sie sich aufhalten. Dafür wechseln die Mitglieder der thailändischen Band Faiyen regelmäßig ihren Aufenthaltsort, verlassen das Haus nur zum Einkaufen. Aus Angst vor Übergriffen schlafen niemals alle gleichzeitig. Und trotzdem ist sich Trairong Sinseubpol, Künstlername Khunthong, sicher, dass er und seine Mitstreiter eines Tages gefunden werden.

„Sie werden auf jeden Fall kommen. Sie werden uns finden, verschleppen, töten, so viel steht fest“, sagte der 54-Jährige laut der Nachrichtenagentur Reuters in einem YouTube-Video. Mit „sie“ meint er die Schergen der thailändischen Regierung, vor denen er und seine Bandkollegen auch noch im Exil Angst haben.

Dass sich die Musiker von Faiyen mit ihren Texten in ihrer Heimat Ärger einhandeln würden, war klar. „Schon ein bisschen Neugier bring dich ins Gefängnis“, heißt es etwa in einem Lied. Seit Jahren kritisiert die Band in ihren Songs die Junta und das thailändische Königshaus. Und das, obwohl Majestätsbeleidigung in dem Land mit bis zu 15 Jahren Haft bestraft wird.

Nach dem Militärputsch von 2014 floh die Band über die Grenze, im Ausland will sie weiter für ihre Revolution kämpfen. Doch auch in Thailands Nachbarstaaten wie Laos und Vietnam sind thailändische Dissidenten offenbar nicht mehr sicher.

Die Organisation Thai Alliance for Human Rights schätzt, dass inzwischen mehr als hundert Regierungskritiker von Thailand nach Laos geflohen sind. Auch in Malaysia, Vietnam und Kambodscha gebe es Aktivisten im Exil.

Schon vor der thailändischen Parlamentswahl im März dieses Jahres hatte sich die bedrohliche Lage für geflohene Dissidenten verschärft. Im Dezember waren zwei Leichen an der thailändischen Seite des Mekong ans Flussufer gespült worden. Die Körper waren in Säcke gesteckt, ausgeweidet und teilweise mit Beton gefüllt worden, berichtete etwa der britische „Guardian“.

DNA-Tests ergaben, dass es sich bei den Toten um Chatcharn Buppawan und Kraidej Luelert handelte, die von Laos aus einen Junta-kritischen Radiosender mit dem Namen „Thailand Revolution“ betrieben. Mit ihnen verschwand auch der Aktivist Surachai Danwattananusorn, der den Radiosender leitete. Von ihm fehlt jede Spur.

Ein anderes Beispiel ist der Fall der Aktivisten Chucheep Chiwasut, Siam Theerawut und Kritsana Thapthai. Chucheep war wegen Majestätsbeleidigung angeklagt worden. Die beiden anderen werden desselben Vergehens beschuldigt. Das letzte Lebenszeichen von ihnen gab es im Januar. Nach Überzeugung von Menschenrechtsaktivisten versuchten die drei Männer, mit gefälschten Pässen nach Vietnam zu gelangen. An der Grenze sollen sie festgenommen und an die thailändischen Behörden übergeben worden sein.

„Ich glaube, dass alle drei tot sind“, sagte Siam Theerawuts Mutter. Sie fordert öffentlich Aufklärung über den Fall von der thailändischen Regierung. „Wenn jemand Ihren Sohn wegnehmen würde, wie würden Sie sich fühlen? Ist er tot oder nicht? Gebt mir einfach eine Antwort“, flehte sie im Gespräch mit dem US-Radiosender NPR. Die vietnamesische Regierung äußert sich nicht, die thailändische bestreitet die Festnahmen.

Wer ist für die Verbrechen verantwortlich? Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) will offizielle Dokumente mit Namen von Aktivisten eingesehen haben. Es soll sich um Personen handeln, deren Auslieferung Thailand von der laotischen Regierung fordert. „Das gewaltsame Verschwinden von Dissidenten und Regimekritikern ist in Vietnam und Thailand schon Routine, aber nun ist ein neues Level der Gefahr für Aktivisten erreicht“, sagte HRW-Mitarbeiter Sunai Phasuk im Gespräch mit NPR. „Die thailändische Regierung hat den Druck immer weiter erhöht, und nun scheint es, als ob die Nachbarländer dem nachgeben.“

Darauf deutet auch ein Treffen der thailändischen Militärregierung und der laotischen Regierung im Dezember 2018 hin. Danach sei es auffallend häufiger dazu gekommen, dass thailändische Aktivisten in Laos verschwunden seien, berichten Menschenrechtsaktivisten.

Im März schickten zudem mehrere Uno-Diplomaten einen Brief an Thailands Regierung. Darin geht es um die Haftbefehle gegen Aktivisten, die der prodemokratischen Bewegung nahestehen und sich gegen den Premierminister Prayut Chan-o-cha aussprechen. Man nehme an, thailändische Offizielle hätten damit etwas zu tun, heißt es in dem Schreiben nach Informationen des US-Auslandssenders Voice of America. Die thailändische Regierung gibt an, nichts von den Vorgängen zu wissen.