Vietnam: Warum der Aufstieg des Tigerstaats anderen Ländern Hoffnung geben kann

Noch vor drei Jahrzehnten war Vietnam eines der ärmsten Länder der Welt. Heute ist es eines der Vorzeigeländer in Asien: Die Wirtschaft wächst rasant, der Tourismus blüht und die vietnamesischen Schüler räumen in den PISA-Studien ab. Was sind die Gründe für diesen Aufstieg?

Es ist laut auf den Straßen von Ho-Chi-Minh-Stadt. Hunderte Motorroller mit jungen Vietnamesen auf dem Weg zur Arbeit knattern vorbei. Die behelmte Armada quetscht sich zwischen Autos, Lastern und Taxis durch den Berufsverkehr.

Einheimische und Touristen tummeln sich in den vielen kleinen Läden, Coffeeshops, Restaurants, Reisebüros und Massagesalons. Selbst nachts ist es dank der wummernden Musik in den Vergnügungsvierteln der Stadt kaum einmal ruhig.

Vietnam hat ein Boom erfasst, dessen Dynamik in den großen Städten Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt überall zu spüren ist.
Noch vor wenigen Jahrzehnten tobte dort ein brutaler Krieg. Und noch 1990 galt Vietnam als eines der ärmsten Länder der Welt. Was ist seitdem geschehen?

Javier Revilla Diez ist Professor für Humangeographie an der Universität Köln. Anfang der 1990er-Jahre war er zum ersten Mal in Vietnam. Seitdem hat er die erstaunliche Entwicklung des Landes verfolgt.

Samsung-Handys kommen nun aus Vietnam

Das nach dem Ende des Vietnamkriegs sozialistische Land erlebt seit der Öffnung zum Westen 1986 ein Wirtschaftswachstum von jährlich über fünf Prozent. Die Planwirtschaft hatte keinen Erfolg gebracht, zudem blieben Mitte der 1980er-Jahre Hilfszahlungen der Sowjetunion aus.

In der Not blieb dem Regime nichts anderes übrig, als Privateigentum und Unternehmertum schließlich zuzulassen. Das Resultat war erstaunlich: Innerhalb kürzester Zeit konnte nicht nur die Hungersnot besiegt, sondern der zuvor knappe Reis sogar exportiert werden.

„Der wirtschaftliche Erfolg hat die Armut drastisch reduziert“, erklärt Vietnam-Experte Revilla Diez.

Eine weitere Leistung war es, die zögernden ausländischen Unternehmen von Investitionen zu überzeugen. „Vietnam hat es geschafft, das Vertrauen der asiatischen Nachbarn zu gewinnen“, sagt der Wissenschaftler. Nach der Aufnahme in die Welthandelsgemeinschaft 2007 startete die Wirtschaft Vietnams richtig durch.

Dabei profitiert das Land auch vom Nachbarn China, der lange die Werkbank der Welt war. Weil dort die Löhne steigen, verlagerten die großen Unternehmen ihre Produktion nach Vietnam, vor allem im Bereich Textilien und Elektronik. Inzwischen lässt Südkoreas Elektro-Riese Samsung einen Großteil seiner Smartphones in Vietnam zusammenbauen.

Umweltschäden werden ignoriert

Revilla Diez sieht den Boom allerdings auch kritisch. Ausländische Direktinvestitionen hätten eine zu wichtige Bedeutung für die Wirtschaft und schafften dadurch Abhängigkeit. Das werde zur Gefahr, wenn die Löhne steigen.

Vietnam ist mit einem Durchschnittsalter von 29 Jahren (Deutschland zum Vergleich: 44 Jahre) noch ein sehr junges Land, aber mit zunehmendem Wohlstand und weniger Kindern schwinden die billigen Arbeitskräfte, die Vietnam so attraktiv für die Unternehmen machen.

Zudem sei es schwer für einheimische Firmen, sich gegen die ausländische Konkurrenz zu behaupten, so der Professor.

Da Vietnam ausländische Unternehmen sehr willkommen heißt, werden außerdem die ökologischen Folgen der Industrie vernachlässigt. Umweltschäden werden kaum sanktioniert.

Vielleicht kann aber der wachsende Tourismus-Sektor, der auch auf die landschaftliche Schönheit Vietnams setzt, ein Bewusstsein für mehr Nachhaltigkeit schaffen.

Vietnam setzt auf Bildung

Die Ergebnisse der PISA-Studien zeigen: Die vietnamesischen Schüler gehören zu den besten der Welt. Besonders in Mathematik schneiden sie gut ab. „Bildung spielt für Vietnamesen eine sehr große Rolle“, erklärt Revilla Diez. „Da liegt auch viel in der Eigeninitiative der Eltern. “

Denn Bildung hat auch ihren Preis: Teure Nachhilfe und Lernhilfen müssen viele Familien selbst aufbringen. Trotzdem sei die Grundschulbildung des Landes sehr gut, auch wenn der im Westen negativ gesehene Frontalunterricht vorherrsche, der wenig Raum für kritisches Denken lasse.

Überhaupt ist die Familie für Vietnamesen eine wichtige Stütze. „Familienbande sind in Vietnam sehr, sehr wichtig“, betont der Wissenschaftler. Auch für im Ausland lebende Vietnamesen sei es selbstverständlich, die Familie zu Hause zu unterstützen.

Der Krieg hat Spuren hinterlassen

Seine Vergangenheit unter der Kolonialmacht Frankreich hat das Land bis auf einige Überbleibsel in der Architektur abgeschüttelt. Der Vietnamkrieg dagegen hat auch heute noch Folgen für den Alltag.

Noch heute finden sich überall im Land Blindgänger von Streubomben, die spielenden Kindern und Bauern zum Verhängnis werden. Auch tragen die Opfer des Einsatzes von Napalm und des Entlaubungsmittels Agent Orange schwer an ihrem Leid. „Der Krieg hat natürlich Narben hinterlassen“, sagt Revilla Diez. „Jede Familie ist davon betroffen.“

Das Leid werde zwar nicht vergessen, aber die Menschen versuchten, pragmatisch damit umzugehen. Die junge Generation der nach 1975 Geborenen, die den Krieg nicht mehr direkt erlebt hat, übernimmt langsam die Verantwortung in Politik und Wirtschaft.

Der Pragmatismus zeigt sich auch am Verhältnis zu den USA. Trotz der Kriegserlebnisse hat Vietnam großes Interesse, amerikanische Investitionen ins Land zu holen. „In Vietnam ist man sehr stolz auf die transpazifische Handelspartnerschaft“, sagt der Wissenschaftler. Es ist vielleicht eine der größten Stärken des Landes, dass es die Vergangenheit hinter sich lässt und sich auf die Zukunft konzentriert.

Revilla Diez will bei der Frage, ob Vietnam Vorbild sein kann für vom Krieg zerrissene Länder wie Syrien, zwar keine Vergleiche ziehen: „Jedes Land und jede Region hat seine eigenen spezifischen Voraussetzungen.“

Und doch ist klar: Der unglaubliche Aufstieg Vietnams kann auch Ländern zumindest Hoffnung geben, für die es derzeit kaum Hoffnung zu geben scheint.



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