Schleuser-Branche in Südostasien: «Korruption ist das Schmierfett»

In Südostasien überqueren Migranten in großer Zahl illegal die Grenzen. Junge Männer sind auf der Suche nach einem besseren Leben. Menschen flüchten vor Konflikt und Gewalt. Besonders dramatisch ist die Lage der verfolgten Minderheit der Rohingya.

Illegale Migration gehört in Südostasien fast zur Tagesordnung. Menschenschmuggler nutzen die oft durchlässigen Grenzen der Region skrupellos aus – und machen damit viel Geld.
Die UN-Behörde zur Bekämpfung von Drogen und Kriminalität, kurz UNODC, schätzt, dass 80 Prozent der Menschen, die in der Region illegal eine Grenze überquert haben, dies mit Hilfe von Schleppern taten. So einträglich das Geschäft für die Schleuser ist, so gefährlich ist es vielfach für die Geschmuggelten.
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Wer den Weg auf oft unübersichtlichen, wenig einladenden Routen durch Dschungel oder übers Meer heil übersteht, den erwartet im besten Fall ein Leben in Ländern mit höherem Lebensstandard, in Regionen, in denen weder Krieg noch Verfolgung herrschen. Doch wer steckenbleibt, wer nicht am Ziel ankommt, dem drohen in manchen Ländern Südostasiens Tod, Folter, Haft, Zwangsarbeit oder die Ausbeutung als Sex-Sklaven.
Korruption spielt in diesem kriminellen Geschäft eine zentrale Rolle. «Sie ist buchstäblich das Schmierfett, das das Rad am Laufen hält», sagt Fiona David, eine australische Kriminologin und Expertin für Migranten-Schmuggel in Südostasien.
Wer nach Beweisen für die Skrupellosigkeit der Schlepper und für die für die große Rolle der Korruption sucht, der müsse sich nur die Zustände an der Grenze zwischen Thailand und Malaysia genauer ansehen, sagt David. Dort gebe es «Todeslager», wie sie urteilt, in denen Schmuggler ihre menschliche Fracht, in diesem Fall verfolgte und staatenlosen Rohingya, abgeladen hätten.

Die muslimischen Rohingya hatten ihre kriminellen Helfer eigentlich bezahlt, um sie aus Myanmar nach Bangladesch zu bringen. Doch die angeblichen Helfer verwandelten sich oft in Kidnapper. Sie hielten die Menschen in Elendslagern fest. Sie ließen die Gefangenen hungern, während sie versuchten, von den Familien der Opfer Geld zu erpressen.

Einige Opfer wurden an Menschenhändler verkauft, andere gefoltert und getötet. Im Jahr 2015 wurden Dutzende Leichen in diesen Lagern an der Grenze entdeckt, darunter eine junge, schwangere Frau. Sie war in einem Gebiet, wo das Wasser durch Gezeiten schwankt, an einen Baum gebunden worden. Dort war sie hilflos ertrunken.
Viele Dutzend Verdächtige, darunter Lokalpolitiker und der thailändische Armeegeneral Manas Kongpan, standen vor mehr als einem Jahr in Bangkok wegen Menschenhandels vor Gericht. Doch Journalisten durften nicht vor Ort über den Prozess berichten.
Die UNODC schätzt das Geschäft mit dem kriminellen Schmuggel von Migranten in Asien auf zwei Milliarden US-Dollar (rund 1,79 Milliarden Euro). Südostasien macht demnach einen großen, aber nicht genauer benannten Anteil davon aus.

Das Schmuggler-Geschäft kann hier – wie auch in anderen Teilen der Erde – sehr unterschiedlich aufgebaut sein: Es gibt hoch organisierte Syndikate, die mit Netzwerken in aller Welt in Kontakt sind. Aber auch Einzeltäter, die ihre Geschäfte mit Hilfe von sozialen Medien und Mundpropaganda betreiben, mischen in der Branche mit.

Fiona David berichtet von einer Art «Hierarchie der Leistungen», die die Menschenschmuggler anbieten: Migranten mit dem meisten Geld haben auch die beste Chance, wirklich ein neues Leben zu starten. «Das billigste ist es, zu Fuß, wirklich zu Fuß, durch den Dschungel geschmuggelt werden. Diese Routen sind üblicherweise sehr gefährlich und sehr billig», sagt David, die auch in der Stiftung Walk Free tätig ist, die sich für ein Ende der modernen Sklaverei einsetzt.

«Die nächste Stufe ist, dass Menschen im Boot geschmuggelt werden, denn das ist schneller als eine Reise über Land», erläutert sie. «Und dann, ganz oben in dieser Hierarchie, haben wir die Leute, die es sich leisten können, per Flugzeug geschleust zu werden. Hier sind oft die Freunde von Freunden und die weite Verwandtschaft beteiligt, die einer wohlhabenden Person helfen können, eine sehr große Summe dafür zu bezahlen, in ein anderes Land zu gelangen. In diesen Fällen gehen wir davon aus, dass es keine Gewalt oder Misshandlung gibt.»

In Südostasien treibt vor allem die Verlockung eines besseren Lebens in einem reicheren Staat die Menschen in die Arme der Schmuggler. Als Beispiel nennt David den ständigen Strom von indonesischen Migranten, die heimlich in das relativ wohlhabende Nachbarland Malaysia einwandern.

Die UNODC hat für Südostasien ein typisches Profilbild von geschleppten Migranten entworfen: Es sind oft junge Männer. Männer in ihren besten Jahren, was die Arbeitsfähigkeit angeht. Zugleich ist die Region auch ein Drehkreuz für Migranten auf der Flucht vor Konflikten. Malaysia und Indonesien gelten seit langem als Transitstationen für Asylsuchende auf dem Weg in reichere Nationen wie Australien, Kanada und die Vereinigten Staaten.

«Konfliktbezogene Migration liegt derzeit etwa bei 60 Millionen Menschen weltweit, und in unserer Region in der Größenordnung von drei bis vier Millionen», sagt David. «Was Wirtschaftsflüchtlinge angeht, sind die Zahlen in Südostasien natürlich viel, viel höher.»

So lebten derzeit etwa zwei bis drei Millionen illegale Migranten in Malaysia. «Die meisten von ihnen sind wahrscheinlich keine Flüchtlinge oder Asylsuchende. Viele sind vermutlich nur einfache Indonesier auf der Suche nach einem besseren Job», erläutert sie.
Die Schmuggler sind, so berichtet die UNODC, Bürger jener Staaten, in denen sie auch kriminell aktiv werden. Und sie kommen oft aus dem gleichen Umfeld wie die Migranten.

Das Geld der Geschmuggelten landet oft in normalen Haushalten. Etwa dem eines Tuk-Tuk-Fahrers, der am Wochenende zum Schlepper wird. Er verdient sich etwas dazu, indem er Rohyinga-Flüchtlinge aus Myanmar über nicht kontrollierte Dschungelwege nach Thailand bringt. Am anderen Ende des Spektrums stehen hoch organisierte Banden, die Wohlhabenden Komplett-Pakete anbieten: Solche Migranten zahlen im voraus für die gesamte Reise. Von Zuhause durch Transitländer – oft mit gefälschten Reisedokumenten – kommen sie ins Zielland ihrer Wahl.

Dies läuft meist per Flugzeug und mit Hilfe von korrupten Flughafenbeamten, die wissen, wer wann ankommt. Aber selbst bei diesem Menschenschmuggel «Erster Klasse» gibt es keine Garantien.

Nach einer Zählung der Internationalen Organisation für Migration, kurz IOM, starben 2016 weltweit mehr als 7800 Menschen beim Versuch, in ein anderes Land zu gelangen. Gut 5000 davon kamen in der Mittelmeerregion ums Leben. In Südostasien dagegen lag die Opferzahl viel niedriger – und sie war im Vergleich zu 2015 zudem gesunken.

2015 waren viele Asylsuchende – die meisten davon Rohingya aus Myanmar und Bangladesch – ertrunken, als Schmuggler die Boote mit den Flüchtlingen im Golf von Bengalen und der Andamanen-See ihrem Schicksal überlassen hatten. Im Laufe des Jahres 2016 sank dann die Zahl der Toten auf den Routen übers Meer von Myanmar und Bangladesch deutlich. Die Nachbarländer hatten die Überwachung verschärft. Menschenschmuggler kamen vermehrt vor Gericht, und viele Flüchtlinge wählten später den Landweg.

Vergangenes Jahr registrierte die UN-Behörde IOM nur rund 180 Todesfälle in Südostasien – im Jahr davor waren dort etwa 790 Menschen auf der Flucht gestorben.



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