Homosexuelle in Singapur und Malaysia: Wer sich bekennt, lebt sehr gefährlich

Auf der „Pink Dot“-Demonstration in Singapur im letzten Jahr wurde die Abschaffung des Paragraphen 377A gefordert, der Sex zwischen Männern unter Strafe stellt. (imago/Xinhua/Then Chih Wey)
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Sex zwischen Homosexuellen bleibt in Singapur verboten. Das entschied das Oberste Gericht Ende März. Trotzem gibt es hier schwule Bars. Homosexualität in Malaysia dagegen bedeutet Hass und Todesdrohungen. Wie hier leben, wie überleben?

Petrus, der Wettergott: Er hat Erbarmen. Bis vor zehn Minuten hat es noch Bindfäden geregnet in Singapur, dem südostasiatischen Stadtstaat. In der Monsunzeit keine Seltenheit. Yangfa Leow klappt seinen Schirm zusammen. Nun kommt er doch noch trockenen Fußes zur Arbeit.

„This place: Hong Lim Park is full of significance.“

Dass der 44-Jährige ausgerechnet den Hong Lim Park im Geschäftsviertel der Finanzmetropole als Treffpunkt vorgeschlagen hat, ist kein Zufall. Der Sozialarbeiter läuft ein paar Schritte zu einem Schild am Rande der Grünfläche: Proteste und kontroverse Aktivitäten, steht da, sind im Park erlaubt. Falls angemeldet und offiziell genehmigt. Überall sonst gilt im Tiger State: Demonstrieren verboten.

Yangfa zuckt mit den Schultern. So ist das nun mal, in einer gelenkten Demokratie. Er zeigt auf sein Handy. Die Fotos: Darauf kommt es ihm an. Sie sind vom Juni letzten Jahres und zeigen ihn und seine Freunde im Park bei Pink Dot. Eine Homo-Demo, mit Plädoyers für die Abschaffung des Paragraphen 377A, der Sex zwischen Männern unter Strafe stellt, zu Party-Musik: Für Singapur ist das fast schon revolutionär.

„Frag nichts und sag nichts: Das ist offizielle Linie in Bezug auf Homosexualität. Einer unserer Ex-Premierminister hat einmal gesagt, er könne damit leben, dass Homosexuelle im öffentlichen Dienst arbeiten – solange sie diskret sind. Dieser pragmatische Ansatz ist typisch. Paragraph 377 A wird ja auch nicht mehr angewandt. Klar ist aber auch: Wenn sie wissen, dass du schwul oder lesbisch bist, kannst du nicht in der Schule oder der Armee arbeiten. Und dich als Politiker zu outen, käme politischem Selbstmord gleich.“

„Wir verzichten auf die Regenbogenfahne“

Geoutet sind in Singapur nur die wenigsten Lesben und Schwulen, Yangfa ist da die Ausnahme. Er stamme aus einer nicht-religiösen chinesischen Mittelklasse-Familie, erzählt der Leiter der Homo-Beratungsstelle „Oogachaga“, während er an einem bunten Hindu-Tempel vorbeiläuft. Das habe ihm erleichtert, sich zu outen. Untergekommen ist Oogachaga im Straßenlabyrinth Chinatowns, im zweiten Stock eines Gebäudes, das schon bessere Zeiten gesehen hat.

„Ein Büro im Erdgeschoss?! Das käme nicht in Frage. Das wäre viel zu teuer und auch nicht diskret genug. Deshalb hängt vor unserem Eingang auch keine Regenbogenfahne. Wir verzichten ganz bewusst darauf. Viele Klienten haben uns gesagt, sie hätten ein ungutes Gefühl in ein Gebäude zu gehen mit einer Homo-Flagge vor der Tür. Jemand könnte sie ja sehen. Also haben wir gesagt: OK, dann keine Regenbogenfahne.“

Möglichst diskret von außen, möglichst behaglich drinnen: In der Beratungsstelle sind die Wände bunt angestrichen, die Büros nach Eissorten benannt. Schoko: Das ist Yangfas Zimmer. Im Regal: Ein Foto von Ban Ki-Moon, dem ehemaligen UN-Generalsekretär. Und ein roter Plastik-Stöckelschuh, der sich bei näherem Hinsehen als: Tür-Stopper entpuppt. Rund 2000 Leute haben letztes Jahr hier Rat gesucht.

„Unsere Leute sind uns wichtig. Ich würde mir Sorgen machen, wenn mir das alles nicht an die Nieren ginge. Wir sind schließlich keine Roboter. Aber wir passen im Team schon auf uns auf. Wir sind füreinander da. Klar gibt es Tage, wo ich denke: Warum tue ich mir das alles an? Um abzuschalten, gehe ich zum Nackt-Yoga. Das ist meine Art, um mir etwas Gutes zu tun.“

„Mein Name ist Chaka Hill. Ich bin aus Singapur und wir befinden uns gerade hier in Singapur in einer sehr schönen, kleinen Straße. Das heißt Hatschi Lane.“

In die Hatschi Lane, die Pilger-Gasse, kommt Chaka häufiger. Der Mann aus Singapur mag die minimalistischen Cafés und Backpacker-Kneipen mit ihren abgefahrenen Cocktails. Im 19. Jahrhundert übernachteten in den winzigen Häusern muslimische Pilger. Gottesfürchtig war auch einmal der 52-Jährige, aber das ist lange her.

„Meine Motto ist: ‚Take me as I am or get the hell out of my way!‘ Das ist mein Lebensmotto.“

So selbstbewusst war Chaka nicht immer, seine Kindheit alles andere als einfach.

„Ich bin sehr streng islamisch erzogen. Fast radikal. Und dank der 18 Jahre, die ich in Deutschland gelebt habe, habe ich gelernt: Man kann auch aus seiner religiösen Institution austreten. Als ich aus der Moschee ausgetreten bin, hat der Iman… das war nicht der Iman, aber eine Frau. Die heißt Ustasa. Sie hat ein Interview mit mir gemacht. Und dann hat sie gefragt: Warum wollen Sie aus dem Islam austreten? Da habe ich zu ihr gesagt: Wenn der Islam mich nicht akzeptieren kann, als homosexuell, gibt es keinen Grund, dass ich den Islam als meine Religion akzeptieren muss.“

Der „schädliche homosexuelle Lebensstil“

Rund 15 Prozent der gut sechs Millionen Einwohner Singapurs sind muslimisch, der Rest christlich und buddhistisch. Der Friseur nippt auf der Terrasse seines Lieblings-Cafés an seinem Cappuccino. Es gibt da Unterschiede, zwischen den einzelnen Religionen, meint er. Die buddhistische Bevölkerungsmehrheit: sei zwar konservativ, aber nicht weiter daran interessiert, wer mit wem ins Bett geht.

Anders die christlichen und islamischen Minderheiten. Erst vor geraumer Zeit haben die evangelischen Kirchen des Landes in einer gemeinsamen Erklärung den „homosexuellen Lebensstil“ als „schädlich“ verurteilt. Verdammt die „Vereinigung islamischer Gelehrter und Lehrer“ Homosexualität als „Verstoß gegen die Lehren des Islam“. Chaka dürfte das bekannt vorkommen.

„Mein Vater hat alles probiert. Er ist zu den Imans gegangen. Die haben es versucht mit Heilungswasser und weißer Magie: Alles. Hey. Ich bin, wie ich bin. Als Kind habe ich gedacht: Ihr könnt mich alle mal, eines Tages werde ich hier abhauen. Als ich 35 war, hat er mich angerufen und gesagt: Komm nach Hause! Ich kam nach Singapur, bin direkt in seine Wohnung reingegangen. Da waren nur er und ich. Ich habe gesagt: ‚Papa, ich werde nie der Sohn sein, den du haben möchtest. Aber du bist auch nicht der Papa, den ich haben möchte.‘“

Chakas inzwischen verstorbener Vater: Irgendwann machte er seinen Frieden mit seinem schwulen Sohn. Es bleibt die Ausnahme.

„Redet nicht nur, sondern handelt“

Ende März schmetterte das Oberste Gericht Singapurs den Antrag dreier Aktivisten ab, einvernehmlichen Sex unter Männern zu entkriminalisieren. Chaka kann es immer noch nicht fassen. In Köln hat er gelebt, den Vereinigten Staaten, dank seines deutschen Friseur-Zertifikats überall gutes Geld verdient. Doch irgendwann hatte der quirlige Typ genug vom Nomadenleben, wollte er zurück in die alte Heimat, den vertrauten Gerüchen.

Manchmal liest er seinen Freunden die Leviten. Wenn sie wieder stundenlang darüber philosophieren, wie toll es doch wäre, offen schwul zu leben, aber jedes Mal den Kopf einziehen, wenn er ihnen sagt: „Dann redet nicht nur, sondern handelt.“

„Dann musst du auch bereit sein, dafür zu kämpfen. Ich sehe aber keine Initiative, eine Motivation um das zu tun. Wir haben ja ein Mal im Jahr Pink Dot. Dieses Jahr Pink Dot haben die gesagt: ‚Please, Primeminister Lee. Get rid off 377A.‘ Für mich ist dieses ‚Please‘ betteln. Du musst nicht betteln. Du musst gerade stehen und sagen: ‚So! Jetzt! Macht mal!‘ Diese Position, diese Haltung kennen meine Landsleute nicht.“

Ein selbstbewusster Schwuler, der kein Blatt vor dem Mund nimmt: In Singapurs islamischem Nachbarland Malaysia schwer vorstellbar.

Homosexualität ist widernatürlich: So lautet das vernichtende Urteil von Datak Zulkifli bin Mohamed Al-Bakri, dem Mufti der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur.

„Homosexualität ist und bleibt Sünde. Der Islam erlaubt so etwas nicht. Doch das heißt nicht, dass wir Homosexuelle ausgrenzen. Sie verdienen unsere Gnade. Ich selbst habe ein Homosexuellen-Zentrum in Kuala Lumpur besucht, um mit ihnen zu reden. Zu beten. Ich habe ihnen vom Propheten Mohamed erzählt. Wie Mohamed ihnen helfen kann, wieder auf den Pfad der Tugend zu kommen.“

Ein Treffen mit „den Sündigen“

Putrajaya, das Regierungsviertel vor den Toren der Hauptstadt. Der „Kompleks Islam“, Haus D. Wenn man so will, schlägt im Wolkenkratzer das religiöse Herz Kuala Lumpurs. Im 32-Millionen-Einwohner-Land hat sich der Mufti einen Namen gemacht: Als Instanz in Glaubensfragen. Und vergleichsweise liberaler Gelehrter.

Liberal: In einem islamischen Land wie Malaysia heißt das vor allem: tolerant gegenüber anderen Religionen. 2016 traf sich der milde lächelnde Mann mit dem katholischen Erzbischof Kuala Lumpurs, letztes Jahr mit chinesisch-stämmigen Bewohnern, um mit ihnen chinesisches Neujahr zu feiern. Berührungsängste: Hat er keine. Deshalb auch sein Treffen mit „den Sündigen“.

„Warum ich mich mit den Homosexuellen getroffen habe? Wenn ich ihnen nicht zuhöre und gut zurede: Wer soll es denn dann tun? Sie brauchen unsere Hilfe. Jemand muss es tun. Manchmal hilft ein Gedankenaustausch, um den anderen besser zu verstehen.“

Luftlinie sind es keine 20 Kilometer von Putrajaya bis nach Kuala Lumpurs Chinatown: Doch der Kontrast könnte größer kaum sein. Das Regierungsviertel: steril und fast menschenleer. In Chinatown dagegen: wimmelt es von Einheimischen und Touristen.

Numan Afifi Adan kennt beide Welten. Der Medienberater lässt sich auf einen der Holzstühle des „VCR“ fallen, des Hipster-Cafés am Rande Chinatowns. Der 29-Jährige macht einen gestressten Eindruck. Bis vor einer Stunde war er noch in Putrajaya, bei einem Termin. Wie sich herausstellt, nicht allzu weit entfernt vom Sitz des Mufti. Natürlich kennt auch Numan die Geschichte vom Treffen des Geistlichen mit der Homo-Community.

„Er hat Transsexuelle getroffen, stimmt. Aber im Rahmen einer Konversionstherapie. Natürlich ist das mitfühlender als ihnen mit Hass zu begegnen. Doch Tatsache ist auch: Er spricht ihnen ihre Identität ab. Das ist auch eine Form von Gewalt. Er akzeptiert sie nicht, wie sie sind. Ja, der Mufti ist auf unsere Gemeinschaft zugegangen. Aber nur, um zu versuchen, die Transsexuellen zu ändern.“

Rappelvoll ist es im „VCR“. Unruhig rutscht der Schwulen-Aktivist auf seinem Stuhl hin und her. Oben gibt es auch noch Platz – und weniger neugierige Blicke. Also hoch.

Hass-Kommentare und Todesdrohungen

Die letzten Jahre: Sie waren nicht einfach für den stillen Mann. Dabei sah alles noch so gut aus, im Frühling 2018. Nach dem Überraschungserfolg des liberalen Oppositionsbündnisses bei der Parlamentswahl. Numan kannte Leute aus der Opposition, darunter den designierten Minister für Jugend und Sport. Ob er sich vorstellen könne, als sein Pressesprecher zu fungieren, wollte der wissen. Konnte er. Was folgte, war ein Alptraum.

„Ich habe jede Menge Hass-Kommentare und Drohungen erhalten. Nach dem Motto: ‚Das darf doch nicht wahr sein. Dass ein Homo-Aktivist ausgerechnet für das Ministerium für Jugend und Sport arbeiten darf. Der korrumpiert doch unsere Jugendlichen.‘ Du glaubst nicht, was für Nachrichten ich auf Whatsapp erhalten habe. Darunter auch Todesdrohungen. Deshalb bin ich im Juli 2018 von meinem Posten zurückgetreten und in Großbritannien untergetaucht, bis die Luft wieder rein war.“

Er muss vorsichtig sein

Seit gut einem Jahr lebt Numan wieder in Malaysia. Die Drohungen: Sie haben aufgehört, auch wenn er sich weiter für die Belange seiner Community einsetzt. Erst vor zwei Wochen war er bei einem Gerichtsverfahren. Angeklagt: Elf junge Männer, wegen „Sodomie“. Numan hat ihnen einen Anwalt organisiert, mehr kann er auch nicht tun. Er muss vorsichtig sein. Letztens erst hat ihn die Polizei wieder vorgeladen – und verhört.

„Ich mache mir Sorgen um meine Familie. Und meine Gemeinschaft. Wenn ich etwas tue, wirkt sich das ja auch auf sie aus. Einige Schwule und Lesben kritisieren mich. Sie sagen: Musst Du wirklich so präsent sein? Ich verstehe das. Nur: Wie wollen wir etwas erreichen, wenn wir weiter unsichtbar bleiben? Ich glaube, dass wir so angefeindet werden, hat auch viel mit Ignoranz zu tun. Viele kennen einfach niemanden, der schwul, lesbisch oder transsexuell ist. Zumindest nicht bewusst.“

Ein neuer Tag, eine andere Ecke Kuala Lumpurs. Und damit zu einer ungewöhnlichen Frau.

„Me? Like, yeah: I’m totally out.“

Ob sie out ist? Als Lesbe? Thilaga Sulathireh bricht in schallendes Gelächter aus. Was für eine Frage. Selbstverständlich. Donnerstagabend, das „Goodness Green“, das Café mit norwegisch anmutenden Birkentischen und giftgrünen Smoothies. Der 33-jährige Wirbelwind wohnt um die Ecke, ihre indisch-stämmigen Eltern ein paar Straßen weiter.

„Meine Eltern haben sich damit abgefunden, dass ich queer bin. Sie haben sich mit ziemlich viel abfinden müssen. Ich bin ja Atheistin und Veganerin. Mir war es wichtig, mich selbst entdecken zu können. Das ist in Malaysia nicht einfach: Diesen Freiraum zu haben. Da bin ich in einer privilegierten Position. Aber ich habe auch gewisse Entscheidungen getroffen, die es mir ermöglicht haben, mir diesen Freiraum zu schaffen.“

Die Menschenrechtslage verschlechtert sich

Jura hat Thilaga studiert – und zusammen mit anderen Lesben und bisexuellen Frauen die NGO „Justice for Sisters“ gegründet. Gerechtigkeit ist der Frau im grauen Sweatshirt wichtig. Doch das ist in Malaysia so eine Sache.

„Fragen der sexuellen Orientierung und Identität werden momentan für politische Spielchen missbraucht. Wir dienen als Sündenböcke. Die Menschenrechtslage hat sich in den letzten Jahren weiter verschlechtert, das bekommen wir fast täglich zu spüren. Mehr und mehr unserer Leute werden verfolgt – sei es vom Staat oder religiösen Institutionen. Wenn Lesben oder Schwule Opfer von Hass-Gewalttaten werden, kommen die Täter meist ungeschoren davon. Es kümmert den Staat einfach nicht.“

Vor Kurzem ist die liberale Regierungskoalition zerbrochen. Für Thilaga und die anderen bedeutet das nichts Gutes: Am Ruder sitzt wieder die alte Machtklicke – zusammen mit den Islamisten. Doch klein beigeben – das kommt für die Powerfrau nicht in Frage. Sie will weiter ihre Stimmen erheben, dazu stehen, wer sie ist. Normalerweise.

„Mir ist auch klar, dass ich mich an gewissen Orten nicht outen kann. Weil es zu gefährlich wäre. Toll ist das nicht. Vor kurzem habe ich an einem Workshop teilgenommen, da waren ein paar religiöse Frauen dabei. Einige kennen mich schon seit meiner Kindheit. Und plötzlich meinte eine: ‚Thilaga, hast Du eigentlich einen Freund?‘ Ich saß da wie angewurzelt. Und dann schrie eine andere: ‚Die hat doch bestimmt eine Freundin!‘ Und ich: ‚Ha, ha, wie witzig. Ihr spinnt ja.‘ Ich habe sie einfach ausgelacht.“