China staut das Wasser des Mekong und setzt die Nachbarn unter Druck

2019 führte der Mekong kaum Wasser, in Nordthailand kam es zu einer der schlimmsten Dürren seit 40 Jahren.
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Der zwölftgrößte Fluss der Welt versorgt 60 Millionen Menschen mit Wasser, Nahrung und Energie. Mit dem Bau von Staudämmen greift China massiv ein.

Eines der größten Risiken für Chinas Wachstum und damit für die Stabilität des Landes ist Wassermangel. Wenn in China das Süßwasser knapp wird, sind Landwirtschaft, Industrie und die Energiewirtschaft unmittelbar betroffen. Schuld daran sind Experten zufolge auch die mächtigen Staudämme des Landes: Seit 1996 hat kein anderes Land so viel Wasserkraftkapazität zugebaut.

Bis 2022 werden zwei neue Megaprojekte in Wudongde (zehn Gigawatt) und Baihetan (16 Gigawatt) ans Netz gehen. Nach Zahlen der Internationalen Energieagentur entspricht das einem Drittel des globalen Wasserkraftzubaus im kommenden Jahr.

Doch die massiven Eingriffe in natürliche Wasserläufe durch den Bau riesiger Staudämme erfolgen nicht nur in chinesischen Binnenflüssen, was für Konflikte zwischen China und seinen Nachbarländern in Südostasien sorgt. Dabei geht es vor allem um den Mekong.

Der zwölftgrößte Fluss der Welt transportiert Wasser vom tibetischen Hochland aus 5200 Metern Höhe durch China in Richtung Südostasien und ist damit die Lebensader der Region. Das Delta des 4350 Kilometer langen Stroms zählt zu den am dichtest besiedelten Agrar- und Binnenfischereiregionen der Welt. In China, Kambodscha, Laos, Thailand, Myanmar und Vietnam versorgt der Strom bis zu 60 Millionen Menschen mit Wasser, Nahrung und Energie.

Erst im vergangenen Jahr kam es in Nordthailand zu einer der schlimmsten Dürren in gut 40 Jahren. Auch Teile des südostasiatischen Nachbarlands Kambodscha waren betroffen.

Die Washingtoner Beratungsfirma Eyes on Earth zeigt sich in einer vom US-amerikanischen Außenministerium mitfinanzierten Studie überzeugt, dass daran vor allem China schuld ist. Peking habe große Wassermengen des Mekong gestaut und zurückgehalten, was zur Dürre im Süden entscheidend beigetragen habe. Dafür untersuchten die Forscher vor allem Satellitendaten zwischen 1992 und 2019.

Die Auswertung der Forscher soll belegen, dass Südwestchina zwischen Mai und Oktober 2019 überdurchschnittlich viel Niederschlag und Schneeschmelze verzeichnete. Hätte China das Wasser nicht zurückgehalten, hätte es in den südostasiatischen Staaten entlang des Flusses demnach keine Knappheit gegeben.

Unregelmäßigkeiten des Wasserflusses und der Wasserstände sollen nach 2012 zugenommen haben. In diesem Jahr nahm China den Nuozhadu-Staudamm in der Provinz Yunnan in Betrieb, der ein Reservoir mit einem Volumen von 27 490 Kubikmetern hält. Einer von zahlreichen Dämmen, „die den Wasserhahn des Mekong zugedreht haben“, berichten die Autoren der Studie.

USA fürchte wachsenden Einfluss Chinas in der Region

Das US-Außenministerium unter Mike Pompeo dürfte eine solche Studie nicht ohne Hintergedanken finanzieren. Da Klimaschutz nicht zu den politischen Prioritäten von US-Präsident Donald Trump gehört, dürfte die Studie noch einen anderen Hintergrund haben: Chinas Position gegenüber den Anrainerstaaten soll geschwächt werden.

So hat sich US-Außenminister Mike Pompeo Ende 2019 öffentlich besorgt gezeigt. „Chinesische Dämme zerstören den Mekong“, titelte auch die US-amerikanische Zeitschrift „Foreign Affairs“ im April. Washington befürchtet zudem, Peking werde mit seinen an den Rändern des Flusses geplanten Wirtschaftszonen, Kraftwerken und Häfen den chinesischen Einfluss in Südostasien noch weiter ausbauen.

Nicht nur Peking, sondern auch die Anrainerstaaten, die sich in der Mekong River Commission (MRC) zusammengeschlossen haben, kritisieren die Studie. Die Forscher hätten das Verhältnis von weniger Regen, außergewöhnlich hohen Temperaturen 2019 und den chinesischen Dämmen aus politischen Gründen einseitig in Richtung der Dämme verschoben.

Gleichwohl fordert die MRC von Peking mehr Transparenz. Sie will jedoch nicht, dass ihre Wasserprobleme ein Spielball im Machtkampf zwischen den USA und China werden. Das mache pragmatische Lösungen schwieriger.

Immer mehr Wasser und Energie benötigt

Unbestritten ist jedoch: In den vergangenen 30 Jahren haben chinesische Ingenieure den Mekong mehr und mehr für die Stromproduktion erschlossen. Am Oberlauf hat China elf Mega-Staudämme gebaut, die insgesamt auf eine Kapazität von 47 Milliarden Kubikmeter kommen. Doch nicht nur der Hunger nach Energie treibt die Chinesen bei solchen Projekten an. Das wirtschaftliche Wachstum braucht immer mehr Wasser. Mit seinen 1,4 Milliarden Einwohnern leidet das Land schon lange unter Wassermangel. Vor allem im Norden kämpft die Regierung gegen Trockenheit und Wüstenbildung.

Peking ist nicht nur auf dem eigenen Territorium in Sachen Wasserkraft unterwegs. In Laos, das enge wirtschaftliche und politische Beziehungen zu China pflegt, finanzieren die Chinesen im Rahmen ihrer Initiative „Neue Seidenstraße“ einige Staudämme und Wasserkraftwerke, die Laos und seine Nachbarländer mit Strom versorgen sollen. Allein im vergangenen Jahr gingen zwei neue Dämme in Betrieb.

Der Pak-Lay-Damm, der in dieser Dekade gebaut werden soll, kostet 2,1 Milliarden US-Dollar. Er wird von dem Staatsunternehmen China Power Resources hochgezogen, das gleich einen Kredit von 1,7 Milliarden US-Dollar mitbringt. Umweltorganisationen schätzen, dass China etwa die Hälfte der Finanzierungen von Laos’ Dämmen aufbringt, und kritisieren unter anderem, dass die Wasserenergie im Vergleich zur Solarenergie zu teuer ist. Die Betreiber bestreiten das.

Wasser als politisches Druckmittel

Ähnliche Wasserkraftprojekte haben chinesische Unternehmen auch in Vietnam und Kambodscha vorangetrieben. Die Regierung in Phnom Penh hat allerdings im März ein zehnjähriges Moratorium für Staudämme am Mekong-Hauptfluss erlassen. Bereits seit einiger Zeit betreibt Peking in der Region eine Art „Wasserdiplomatie“. Dass der chinesische Außenminister Wang Yi im Februar, also sogar während das Coronakrise, dorthin gereist ist, zeigt, wie wichtig Peking das Thema ist.

Im Frühjahr 2016 hatte Vietnam China während einer Dürreperiode darum gebeten, den Wasserabfluss aus dem Jinghong-Staudamm im Südwesten Chinas zu verdoppeln. Peking kam der Bitte nach, auch in folgenden Jahren. Vielen Menschen hat das jedoch erst richtig vor Augen geführt, wie abhängig die Staaten entlang des Mekong im Ernstfall vom „guten Willen“ Pekings sind. Einige Politiker in Südostasien warnen, Peking könnte die Wasser- und damit die Stromversorgung eines Tages gezielt als politisches Druckmittel einsetzen.