Der Thailand-Urlaub muss noch warten

Die Touristenattraktionen in Thailand besucht derzeit kaum jemand, das Land öffnet seine Grenzen nur langsam.
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Thailand scheint die Krise im Griff zu haben. Dennoch öffnet das Land nur vorsichtig seine Grenzen für den Tourismus. Eine Katastrophe für die vielen, die von ihm leben.

In seinen 30 Jahren als Schneider in Thailand hat Vikas Bhatla schon viel erlebt: Regierungsgegner, die den Bangkoker Flughafen tagelang lahmlegen, gewaltsam niedergeschlagene Proteste mit vielen Toten in der Innenstadt, Militärputsche, meterhohes Hochwasser und ein ganzes Land im Tsunami-Trauma. Aber dass es in der berühmten Touristenstraße Khaosan Road, wo Bhatla normalerweise seine maßgeschneiderten Anzüge verkauft, gar keine Urlauber mehr gibt, ist auch für den alteingesessenen Unternehmer eine neue Erfahrung.

Bhatlas Laden liegt zwischen einem stillgelegten McDonald’s und einem Nachtclub, in dem schon seit Wochen keiner mehr getanzt hat. Vor seiner Tür buhlten früher Masseurinnen und Streetfoodverkäufer um Kundschaft. Jetzt ist da nur noch ein älterer Herr, der auf einem Plastikstuhl eine Zigarette raucht. Fast alle Rollläden in der Nachbarschaft sind heruntergelassen. Auch Bhatla ist nur in seinem Laden, weil er Papierkram zu erledigen hat. Er muss Rechnungen bezahlen und die Miete überweisen. Umgerechnet rund 8.500 Euro fallen jeden Monat an Fixkosten an. Einnahmen hat der Geschäftsmann, der ursprünglich aus Indien stammt, nicht mehr: „Ich kann das vielleicht noch zwei oder drei Monate aushalten“, sagt er. „Danach ist hier Schluss.“

Die Zukunftssorgen des Unternehmers teilt ein großer Teil des Landes: Thailands Wirtschaft ist abhängig von den Einnahmen aus dem Tourismusgeschäft. Doch die Corona-Krise setzt die Urlaubsdestination nun auf Entzug. Seit Anfang April sind die internationalen Flughäfen für ausländische Gäste geschlossen. Das Land, das noch im vergangenen Jahr knapp 40 Millionen Touristen zählte, hat sich abgeschottet – aus Sorge vor der Viruspandemie. Doch angesichts wachsender sozialer und wirtschaftlicher Probleme drängt sich zunehmend die Frage auf: Wie lange kann sich Thailand die Vorsicht noch leisten?

500 Millionen Euro pro Tag

Von der Khaosan Road bis zum Königspalast, Bangkoks wichtigster Touristenattraktion, braucht man zu Fuß eine Viertelstunde. Auf dem Weg sind auffallend viele Obdachlose zu sehen, die am Gehsteig schlafen. Ein paar Meter vom Palasteingang entfernt wartet Herr Banchai in der prallen Sonne mit seinem Tuk Tuk auf Passagiere. Früher habe er hier mit den Urlaubern, die er von einer Attraktion zur nächsten brachte, locker 1.000 Baht, umgerechnet rund 30 Euro am Tag, verdient, erzählt er. Jetzt steht sein dreirädriges Gefährt fast den ganzen Tag still. Nach einem bereits neunstündigen Arbeitstag zieht er Bilanz: „Heute hatte ich nur drei Fahrten – zweimal 60 Baht, einmal 80 Baht.“ Banchai, der sich bei seinen Passagieren mit dem Spitznamen Banana vorstellt, ist 48 Jahre alt. Er hat einen Sohn, der an der Uni studieren möchte. „Das Geld reicht uns gerade hinten und vorn nicht“, sagt er.

Dass Thailand das Coronavirus innerhalb der Landesgrenzen offenbar fast vollständig eingedämmt hat, ist keine große Hilfe: Zwar kehrt nach einem mehrwöchigen Lockdown wieder langsam die Normalität in den Alltag zurück – Einkaufszentren, Parks und Restaurants sind wieder geöffnet. Die Furcht vor Covid-19 lässt angesichts der geringen Infektionszahlen nach – in den vergangenen Wochen meldeten die Behörden landesweit täglich weniger als zehn neue Fälle. Insgesamt haben sich nach offiziellen Zahlen bisher nur rund 3.000 Menschen angesteckt. Doch das alles hilft der Wirtschaft kaum, solange die Urlauber noch fehlen.

Rund ein Fünftel von Thailands gesamter Wirtschaftsleistung hing zuletzt direkt und indirekt am Reisegeschäft, schätzte der Branchenverband WTTC. Trotz der großen Bedeutung des Tourismus wollen die Behörden eine Grenzöffnung wegen der Gefahr einer zweiten Infektionswelle aber vorerst nicht riskieren. Sie verlängerten am vergangenen Wochenende die Einreisesperre an den Flughäfen bis mindestens Ende Juni.

Bei Unternehmensvertreterinnen und -vertretern wächst deswegen die Ungeduld. Jeder Tag, an dem die Grenzen geschlossen seien, koste das Land umgerechnet knapp 500 Millionen Euro, warnte Dhanin Chearavanont – einer der reichsten Männer des Landes, dem unter anderem der lokale Ableger der Supermarktkette 7-Eleven gehört. „Wir können nicht warten, bis es einen Impfstoff gibt“, sagte er in einem Interview. „Die Wirtschaft wird so lange nicht überleben.“

China und Vietnam dürfen zuerst

Wirtschaftsverbände schätzen, dass die Krise bereits sieben Millionen Jobs gekostet hat. Die Weltbank warnt, dass es vielen Menschen im Land zunehmend schwerfalle, ihre Grundbedürfnisse zu decken. In einigen Fällen kommt es zu extremer Verzweiflung: Lokale Forscher berichten in einer Studie von Dutzenden Suiziden, die mit den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise zusammenhingen. Vor dem Finanzministerium nahm eine 59 Jahre alte Frau Rattengift zu sich, weil sie sich von der Regierung im Stich gelassen fühlte – sie konnte von Ärzten gerettet werden.

Yuthasak Supasorn, der Chef der Tourismusbehörde TAT, sucht einen Ausweg aus der verfahrenen Situation. Er glaubt, dass es möglich sein müsse, Urlauber ins Land zu holen, ohne dabei die Gesundheit der lokalen Bevölkerung aufs Spiel zu setzen. Am Dienstag präsentierte er seine ersten Ideen – für Menschen in Europa, die auf einen baldigen Thailand-Urlaub hoffen, waren es aber nicht gerade gute Nachrichten: Zunächst sollen demnach Reisende aus Ländern, die den Virusausbruch unter Kontrolle gebracht haben, ein Zutrittsrecht erhalten – als Beispiele nannte er Länder wie China und Vietnam, die nur noch vereinzelt neue Infektionen melden.

Aber auch deren Einwohner müssten sich bei der Einreise zunächst einem Schnelltest unterziehen. Kurzfristig lässt sich dieser Plan aber nicht umsetzen. Yuthasak rechnet damit, dass die Öffnung des Landes noch Monate dauern wird: „Wir glauben, dass die internationalen Gäste im Oktober zurückkehren können.“

Schneider Bhatla glaubt, dass er nur dann mit seinem Anzugladen in der Khaosan Road bis dahin durchhalten kann, wenn ihm der Vermieter entgegenkommt. Die Ausgaben für seine Mitarbeiter – hauptsächlich Einwanderer aus Myanmar – habe er bereits erheblich reduziert. Er könne ihnen derzeit nur noch so viel bezahlen, dass es zum Überleben reiche, sagt der Unternehmer. Ein paar Meter entfernt von Bhatlas Geschäftslokal flattert im Wind ein Banner mit der Aufschrift: „Covid-19: Khaosan Road prays for the world.“ Der Schriftzug wurde schon vor Monaten angebracht, als daran noch Touristen vorbeiliefen. Inzwischen muss die Khaosan Road darauf hoffen, dass die Welt die Gebete erwidert.