Motorradtour in Vietnam: Wer aus dem Reisebus schaut, kann nie auf Augenhöhe sein

Motorradtour in Vietnam

 
 
 

Der Ha-Giang-Loop ist eine dieser Jetzt-noch-machen-bevor-alle-kommen-Reisen. Was ist das Besondere an dieser Motorradtour? Stephan Orth war im Norden Vietnams unterwegs.

In keinem Land der Welt lässt sich die Wahl des angebrachtesten Verkehrsmittels für die Reise so eindeutig beantworten wie in Vietnam: per Motorrad. 43 Millionen Maschinen kommen hier auf 90 Millionen Einwohner. Jeder, der schon mal in Hanoi oder Ho-Chi-Minh-Stadt war, kennt das gartensägenartige Knattern, den Spritgeruch und die Ameisenhaftigkeit, mit der in jede noch so kleine Lücke vorgeprescht wird. Eindrücke, die sich so unauslöschlich in die Erinnerung jedes Vietnam-Reisenden einfräsen wie der Duft eines Pho-Suppen-Straßenstandes. Also hinein in den halsbrecherischen Verkehrsirrsinn!

Wegen der hohen Feinstaubwerte in Hanoi entscheide ich mich dafür, das Motorrad in Ha Giang zu leihen und in die Berge zu fahren. Ein Bus mit Liegesitzen bringt mich in sechs Stunden in die Stadt im Norden. Hier beginnt eine Rundtour, die etwas weniger bekannt ist als der Sapa-Loop im Nordwesten oder die legendäre „Mae Hong Song“-Tour in Thailand.

Der Angestellte in der Verleihstation lässt mich mit einer blitzblanken Honda Blade, 110 Kubikzentimeter, ein paar Runden auf der Hauptstraße drehen, um mit der Gangschaltung vertraut zu werden. Den Führerschein prüft er so flüchtig, dass ich ihm auch einen Bibliotheksausweis hätte hinhalten können.

Ich bekomme eine regendichte Plastiktüte für den Rucksack, hebe im Ortszentrum noch ein paar Millionen Dong am Geldautomaten ab, und fahre los.

Zunächst ist die Straße gut geteert und flach – perfekt für die ersten Kilometer. Mit 30 km/h passiere ich grüne Terrassenreisfelder, die von Bauern mit Rinderpflügen bewirtschaftet werden. Dann geht es in Serpentinen hoch zum Quan-Ba-Pass. Zehn Prozent Steigung steht immer auf den Warnschildern, egal ob es in Wahrheit acht oder zwölf Prozent sind. Quan Ba heißt Himmelstor, die vor mir liegenden Karstfelsen wurden von der Unesco zum schützenswerten Geopark erklärt. Bestimmt ist die Aussicht spitze. Doch heute ist es so neblig, dass sich 30 Tonkin-Stumpfnasenaffen neben mir durchs Geäst hangeln könnten, und ich würde sie nicht sehen.

Zwei Stunden später sitze ich bei Hong Thu und Hi im Wohnzimmer und bekomme zusammen mit vier Holländern Reis mit Hühnerfleisch serviert und reichlich „Happy Water“, selbstgebrannten Maisschnaps. 200.000 Dong (knapp acht Euro) kostet die Nacht im „Hong Thu Homestay“, einem zweistöckigen Holzhaus, den 45-prozentigen Rachenputzer gibt’s gratis dazu. Genauso wie die anschließende Karaoke-Runde, bei der niederländische Gassenhauer auf vietnamesische Schmachtfetzen treffen.

So hatte ich mir eine authentische Unterkunft bei Angehörigen der Dao-Volksgruppe nicht vorgestellt. Aber wer „authentisch“ mit „urig-altmodisch“ verwechselt, hat halt nicht kapiert, dass auch jemand, der bei der Feldarbeit dieselbe bunte Tracht wie die Urgroßeltern trägt, durchaus Smartphones und dicke Musikboxen schätzen kann.

„Ich kenne jedes Staubkorn hier“

Hi nimmt uns dann auch noch mit zu einer traditionellen Hochzeit zwei Schotterwege weiter, wo genug Happy Water serviert wird, dass ich mich nachher nur noch an die farbenfrohe Festkleidung der Gäste, die zerfurchten Gesichter der Alten und an ein Gespräch mit Anh, dem Easy Rider, erinnere.

„Es kommen immer mehr Touristen“, sagt er. „Easy Rider“ nennen sich hier Motorradfahrer, die Touristen auf dem Rücksitz durch die Gegend kutschieren. Nach dem vierten Schnaps gibt er zu, dass sich nach fünf Jahren in dem Job die Region ein bisschen abnutzt, zumal meistens exakt die gleiche Vier-Tages-Route auf dem Programm steht. „Ich kenne jedes Staubkorn hier“, sagt er. „Aber die Straßen haben sich verbessert in den letzten Jahren.“

Ein Glücksfall für mich, der vorher keine hundert Stunden Motorroller-Erfahrung hatte. Schlaglöcher hier sind zwar eher die Regel als die Ausnahme, und oft geht es an den nächsten Tagen über Schotterpisten. Doch der Schwierigkeitsgrad steigt langsam genug an, um diese Herausforderungen bewältigen zu können.

Das Hauptproblem besteht ab dem zweiten Tag eher darin, die Augen auf die Straße zu richten und sich nicht ablenken lassen: Es geht über grüne Karstfelsen und durch Hunderte Meter tiefe Canyons, die sich durchs Tal ziehen. Zwischen Dong Van und Meo Vac wartet hinter jeder Kurve ein Aussichtspunkt, einer spektakulärer als der andere.

Motorrad fahren – und die Menschen verstehen

Ich übernachte teils in einfachen Holzhaus-Homestays und teils in Hotels aus Beton. Gespräche finden mit Händen und Füßen statt, da ich kein Vietnamesisch spreche. Trotzdem habe ich das Gefühl, den Menschen näher zu sein als auf anderen Reisen, wo mehr geredet wurde. Warum? Weil ich das Verkehrsmittel benutze, das alle benutzen.

Ich sortiere mich dadurch in diesen knatternden Fluss des Alltagslebens ein und werde zum Novizen in einer Kunst, die einheimische Fahrer so gut beherrschen, dass sie mühelos bis zu vier wache oder bis zu zwei schlafende Familienmitglieder auf ihrem Gefährt unterbringen. Ein wichtiger Teil des Lebens findet in Vietnam auf dem Motorrad statt. Wer aus einem Reisebus herabschaut, kann nie auf Augenhöhe sein.

Der Ha-Giang-Loop ist eine dieser Jetzt-noch-machen-bevor-der-Massentourismus-kommt-Reisen. Neue Hotels werden schon gebaut, es herrscht Goldgräberstimmung.

Schon jetzt lohnt es sich, von der Standardroute abzuweichen, zum Beispiel in der Gegend um Du Gia, um noch ein paar besonders ursprüngliche Dörfer zu sehen. In der Region leben mehr als 20 verschiedene Volksgruppen, unter anderem die Kinh, H’Mong, Tay, Dao und Nung.

Die Modernisierung wird kommen, doch zumindest als Fahrsicherheitstraining für ausländische Motorradfahrer wird der Loop sicher noch eine Weile taugen – nach sechs Tagen Nordvietnam fühle ich mich bereit für den Stadtverkehr von Hanoi.

Nach anfänglicher Empörung über die dortigen Verhältnisse folgt nämlich die Erkenntnis, dass Chaos tatsächlich funktionieren kann. Und schließlich entwickelt man philosophische Bewunderung für diesen Blechfluss, bei dem die Verkehrsteilnehmer zu einem einzigen Organismus zu verschmelzen scheinen und nur zwei Regeln gelten: Der Mutige hat Vorfahrt. Der Klügere gibt Gas.