Asien: Wahnsinn in Rosa

Beim Internationalen Tag gegen Drogenmissbrauch verbrannten Myanmars Behörden Rauschgift im Wert von Hunderten Millionen Dollar.

 
 
 

Länder wie Bangladesch werden von synthetischem Rauschgift überschwemmt. Eine wirksame Strategie dagegen fehlt den Regierungen.

Als Treffpunkt war ein Parkplatz vereinbart, ganz im Süden von Bangladesch, der hagere Mann kauerte neben einem Wagen, er sprang hektisch auf und sagte, man spreche besser im Auto, zu viele Ohren hörten zu. Er nannte sich Ullah, der Name war erfunden, er war ein Geflohener aus Myanmar. Sein Job: Transporteur. Für seine Arbeit brauchte er Glück – und eine Weste, in die 1000 Pillen passten.

Die Drogen kommen aus Myanmar, über den River Naf, bis nach Bangladesch. Eine Kette von Kurieren ist für den Schmuggel im Einsatz, Leute wie Ullah, die Stoff an bestimmten Punkten übernehmen und weiterreichen. Lange fand der Drogenschmuggel im Schatten der Flüchtlingskrise der Rohingya kaum Beachtung. Ende 2017 begann die Polizei härter durchzugreifen. Dennoch fanden die Dealer fortan immer neue Routen für ihren Stoff.

Bangladesch wird von synthetischem Rauschgift überschwemmt. Überall sind Yaba-Pillen im Umlauf. Der Name heißt so viel wie „Wahnsinns-Droge“. Wer sie nimmt, dreht auf, schläft und isst kaum noch, manche Menschen macht die Substanz aggressiv.

Flüchtlinge wie Ullah werden von Drogenbossen als Träger in Bangladesch eingespannt, die riesigen unregierbaren Camps mit Millionen Flüchtlingen dienen den Händlern als Zwischenlager. Die Geschäfte auf der anderen Seite habe das myanmarische Militär im Griff, behauptet Ullah. Überprüfbar sind solche Angaben nicht, weil die Armee Myanmars keine Recherchen auf ihrem Gebiet zulässt. Sicher ist nur, dass Soldaten beider Staaten entlang der Grenze am River Nav patrouillieren, und dass Yaba seinen Weg dennoch zu den Süchtigen findet. Es wird geschätzt, dass zwei Millionen Pillen täglich in diesem Land geschluckt werden.

Yaba-Pillen kosten mancherorts weniger als ein Bier

Meldungen über Schießereien zwischen Einsatzkräften und mutmaßlichen Drogenhändlern gehören in Bangladesch inzwischen zum Alltag, Mitte Juni berichtete der Daily Star über eine blutige Woche: acht Tote in fünf Tagen. Der Markt mit den rosafarbenen Tabletten boomt, trotz massiver Gewalt durch die Polizei, die Kritiker an die Menschenjagden auf den Philippinen erinnert. Dort ließ Präsident Rodrigo Duterte einige tausend Süchtige und Kleindealer ohne Rücksicht auf den Rechtsstaat verfolgen, meistens enden die Razzien tödlich. In Bangladesch zählte die Zeitung New Age mehr als 400 Tote bei solchen Einsätzen. Doch weder Manila noch Dhaka haben das Drogenproblem in den Griff bekommen.

Die Drogen aus Methamphetamin, die vor allem in den nördlichen Konfliktgebieten Myanmars hergestellt werden, verbreiten sich nicht nur nach Westen, sondern auch nach Osten, in die Gemeinschaft der Asean-Länder. Die Produktion zu stoppen, ist angesichts der politischen Krise schwierig. Drogen sind in den Gebieten ein beherrschender ökonomischer Faktor, Soldaten und Milizen verdienen an den Geschäften.

Vor wenigen Tagen entdeckten Fahnder in Thailand 1,5 Tonnen Crystal Meth, der Methamphetamin-Droge, die wie die Yaba-Pillen synthetisch hergestellt wird. 2018 beschlagnahmten die thailändischen Behörden 515 Millionen dieser Tabletten, viermal so viele wie 2016. Trotz der Fahndungserfolge sinken die Yaba-Preise, mancherorts kostet eine Pille weniger als ein Bier. Mit Niedrigpreisen gewinnen die Kartelle immer neue Kunden, vor allem ärmere Schichten. Trucker, Arbeiter in Minen, Fabriken, Häfen oder auf Plantagen – sie alle schuften an der Grenze ihrer Kräfte, viele werfen Pillen ein, um sich wach zu halten, um die Erschöpfung zu überspielen. Auch der nervöse Ullah im Süden Bangladeschs weiß um die Verlockung. „Dein Körper fühlt sich plötzlich stark an“, berichtete er. Doch natürlich ist auch Yaba – wie alle anderen Rauschmittel – eine Falle. Die Sucht führt in den körperlichen Verfall, sie stürzt ganze Familien ins Elend, weil es für Abhängige nur darum geht, wie sie Geld für ihren Stoff bekommen.

Tun Nay Soe, regionaler Koordinator der UN-Drogenbehörde, beschreibt einen verheerenden Trend: „Daten über Beschlagnahmungen, Preise, Konsum und Therapie weisen alle auf eine anhaltende Verbreitung von Metamphetamin in Ost- und Südostasien hin.“ Thailand versucht, die Hauptroute über das Goldene Dreieck zu überwachen, dennoch bleibt der Schmuggel kleinerer Mengen einfach: Ortskundige packen den Stoff in Rucksäcke und schleichen durch den Wald über die grüne Grenze, so gelangen Drogen in die Nachbarländer Laos, Thailand und China; oder die Ware wird an die Küste gefahren, auf Fischerboote und später auf Frachter verladen. Im Hafen von Melbourne stellten Fahnder am 7. Juni mehr Crystal Meth sicher als je zuvor: 1,6 Tonnen mit einem Marktwert von 840 Millionen Dollar. Die Lieferung kam via Thailand, war als Tee deklariert und in Lautsprechern versteckt.

In vielen Ländern wird immer noch auf Strafe statt auf Therapie gesetzt

Im jüngsten UN-Drogenbericht, der diese Woche vorgestellt wurde, sind die Daten zu den Beschlagnahmungen im östlichen Asien ausgewertet, sie nahmen von 2007 bis 2017 um das Achtfache zu und stiegen auch 2018 noch mal an. Viele Länder der Region beschreiben Methamphetamin inzwischen als ihre größte Sorge im Kampf gegen die Drogensucht.

Die Länder Südostasiens versprechen sich gegenseitig, stärker zu kooperieren, doch ihre Mittel reichen nicht aus, um die Produktion in Myanmar zu stoppen. Gesellschaftliche Debatten darüber, warum so viele Menschen Drogen verfallen, finden selten statt. Drogensüchtige gelten als Straftäter, und erst in zweiter Linie als kranke Menschen. Gleichzeitig locken brachiale Methoden wie die von Duterte andere Staaten zur Nachahmung. So hat auch Indonesien die Verfolgung von Süchtigen verschärft, viele landen in völlig überfüllten Gefängnissen.

Doch das bringe mehr Schaden als Nutzen, kritisiert der Rechtswissenschaftler Dio Ashar Wicaksana in der Zeitschrift The Conversation. Das indonesische Recht tendiere dazu, Drogenkonsumenten als Schwerverbrecher zu behandeln. Wegen der Korruption in den Gefängnissen könnten Häftlinge dort aber alles bekommen, inklusive Drogen. Nach Erkenntnissen der Anti-Drogen-Behörde in Indonesien werden 50 Prozent des Drogenhandels sogar aus den Gefängnissen heraus kontrolliert.

Besser wäre es laut Wicaksana, wenn sich Jakarta an Empfehlungen der Weltkommission für Drogenpolitik orientierte, die das Gewicht auf therapeutische Hilfe legt. Als Beispiel verweist der Rechtsexperte auf positive Erfahrungen in Portugal, wo der Drogenkonsum entkriminalisiert wurde. Gleichwohl tendieren viele Staaten immer noch dazu, die Repression gegen Süchtige zu erhöhen. In Thailand hatte Ex-Premier Thaksin Shinawatra schon vor 15 Jahren einen martialischen Anti-Drogen-Krieg begonnen, angeblich kostete er mehr als 2000 Menschen das Leben. Thaksin sah sich damals als Sieger, doch auch er konnte das Suchtproblem mit diesen Mitteln nicht lösen. Die Drogenschwemme in der Region ist außer Kontrolle. Und Asiens Staaten, die auf Strafe und Härte setzen, wirken ohnmächtiger denn je.