Selfie-Spot von Hanoi: Füße hoch, der Zug kommt

Mandatory Credit: Photo by LUONG THAI LINH/EPA-EFE/REX (10180578j) Tourists pose for a photo on a railway track that passes through an old residential area of Hanoi, Vietnam, 28 March 2019. The railway has attracted many visitors and has seen a rise in tourism and cafe businesses around the location despite concerns around railway encroachment. Vietnam expects to attract a total of 103 million tourists in 2019. Hanoi's railway tourims, Viet Nam - 28 Mar 2019

 
 
 

Zweimal am Tag ertönt ein durchdringender Pfiff. Dann wird es kurz hektisch in der kleinen Altstadtgasse von Hanoi – ein Zug saust zwischen den Häusern durch. Auf Instagram finden sich Tausende Selfies auf den Gleisen.

In der Ngõ 224 Lê Dun spielen Kinder, Wäsche trocknet in der Sonne, und in den Cafés lassen sich Touristen Cocktails in Kokosnüssen und Milchkaffee servieren. Eine ganz normale Altstadtgasse in Hanoi, nur wenige Hundert Meter entfernt vom Hauptbahnhof. Wäre da nicht der Pfiff, der zweimal am Nachmittag ertönt und den Zug gen Süden, Richtung Hue und Hoi An ankündigt.

Für kurze Zeit reagieren die Besucher hektisch, zücken Smartphones und Kameras, bevor sie sich wie die Einheimischen in Hauseingänge und an Wände drücken. Fahrräder sowie Kinder, Tische und Stühle werden in die Häuser gebracht.

Und dann donnert die Lokomotive mit ihren Waggons über die Gleise inmitten der Straße. Nur wenige Zentimeter Platz ist manchmal links und rechts des Zuges. Kaum ist er verschwunden, werden Auslagen und Kochstellen wieder auf die Gleise geräumt. Der Alltag geht weiter.

Schon oft wurde die Szene beschrieben, inzwischen ist die kleine Straße mit den Häusern im Kolonialstil bei Touristen berühmt. Unter #hanoitrainstreet finden sich auf Instagram Tausende Selfies und viele Bilder der heranrasenden Lok. Die tägliche Zugdurchfahrt ist nicht ungefährlich. Schon vor Jahren hat Hanois Polizei das vietnamesische Verkehrsministerium gebeten, den Hauptbahnhof aus der Innenstadt hinaus zu verlegen – zu viele Unfälle, zu viele Staus.

Bisher ist das nicht passiert. Vielmehr haben sich immer mehr Cafés angesiedelt, Touristen fotografieren sich gegenseitig – beim Küssen, auf den Gleisen sitzend, liegend, laufend, springend. Und es ist abzusehen, dass es mehr werden: Seit 2015 hat sich die Zahl der internationalen Besucher in Vietnam fast verdoppelt. 2018 stieg sie auf 15,5 Millionen und damit um 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. In diesem Jahr erwartet das südostasiatische Land 18 Millionen Touristen – vor allem aus China und Südkorea.

Die einspurige Nord-Süd-Bahn – auch „Wiedervereinigungs-Express“ genannt, verbindet die Hauptstadt Hanoi mit Ho-Chin-Minh-Stadt und stammt noch aus der französischen Kolonialzeit. Für die 1726 Kilometer mit Stopps an 191 Bahnhöfen benötigt sie mindestens 30 Stunden, komfortabel ist die Fahrt nicht gerade.

Im modernen Zugzeitalter angekommen ist dagegen die erste vietnamesische Metro, die in Hanoi nach jahrelangen Verzögerungen im April eröffnet werden soll. 13 selbstfahrende Metrozüge werden zurzeit noch auf der ersten Linie – der 2a vom Dong-Da-Viertel bis zum südwestlichen Ha-Dong-Viertel – getestet.

Die grünen Bahnen werden allerdings wohl kaum den Status einer touristischen Attraktion wie die Ngõ 224 Lê Dun erhalten. Unter #hanoimetro finden sich bisher auf Instagram lediglich ein paar Dutzend Beiträge.