Luxustourismus in Kambodscha: Paläste statt Hütten


 
 
 

Auf tropischen Inseln wie Koh Russey an Kambodschas Südküste wird investiert und aufgerüstet. Wo einst Hütten standen, machen sich Resorts breit

Mit dem Speedboot ist es nur ein Sprint ins Paradies. Das Wasser spritzt, an Deck gibt es getrocknete Mangos, in der Ferne schaukeln grün lackierte Fischerboote über das Wasser. Es geht vorbei an Koh Ta Kiev und Krabey Island, die tropisch bewaldeten Inseln ragen wie Maulwurfshügel aus dem türkisblauen Meer. Zehn Minuten später Ankunft am Steg der Privatinsel Koh Russey, vor ein paar Jahren frei zugänglich, jetzt nur noch Hotelgästen vorbehalten. Hinter den Bäumen versteckt sich das Alila Resort, eine minimalistisch moderne Anlage, deren Pool sich in Stufen zum Strand hinunter verläuft.

Das Setting wirkt, als sei es für die Magazinwelten von Wallpaper oder AD entworfen worden. Neben dem Gebäude stehen Mitarbeiter knietief in einem saftig grünen Beet von Besen-Beifuß. Das Hotel wurde erst vor wenigen Wochen eröffnet, es wird noch an jeder Ecke gezupft und gejätet. Unten, entlang des knapp einen Kilometer langen Sandstrandes, reihen sich die Villen und Bungalows bilderbuchartig aneinander.

Größte Sorge: der Massagetermin

Mitarbeiter Kris führt hinüber zu den Unterkünften. Der Kambodschaner wurde wie seine Kollegen, die in hellen Gewändern über das Gelände wuseln, anlässlich der Eröffnung des Resorts aus der Region angeheuert. Er spricht Englisch, Japanisch und, ja, sogar „ein bisschen Deutsch“. Kris erzählt, dass er in der Touristenhochburg Siem Reap zur Schule gegangen ist, er schimpft ein wenig über die vielen Chinesen in der Hafenstadt Sihanoukville, der Verabschiedung folgt eine höfliche Verbeugung: „Wenn Sie was brauchen, melden Sie sich.“ Und: „Geben Sie Bescheid, ob der Spa-Termin morgen in Ordnung geht.“

Sofort ist klar: Wenn man einmal auf Koh Russey eingecheckt hat, ist die größte Sorge, die man hier haben kann, dass man den Massagetermin auf dem Liegestuhl am Strand verschläft. Oder man sich zu entscheiden hat, ob man das Paradies für einen Schnorchelgang, einen Tagesausflug zur Pfefferplantage von Kampot oder einen Tempelbesuch auf dem Festland verlässt.

Vor wenigen Jahren wäre die sorglos diskrete Entspannung auf Fünfstern-Niveau auf Koh Russey noch unvorstellbar gewesen. Erst war die 25 Hektar große Insel Außenposten der kambodschanischen Marine, in den 1990er-Jahren ließen sich die Backpacker mit Fischerbooten auf die Insel übersetzen. Bevor die durchdesignte Alila-Welt sich mit ihren Pools und Badewannen, dem Spa und den Restaurants an den Strand schmiegte, standen hier noch einfache, bunt bepinselte Holzhütten mit strohbedeckten Dächern, ein architektonischer Fleckerlteppich. Damals übernachtete man entweder in Kenny’s Bungalows oder im Bim Bam Boo, Strom gab es stundenweise über Generatoren, Internet war nicht vorhanden.

Insel-Investitionen

Wenn es nach Etienne Chenevier, CEO des Investmentunternehmens Citystar geht, soll die tropisch bewaldete Insel Koh Russey, in der Region unter dem Namen „Bamboo Island“ bekannt, mit dem Alila Resort zu einem neuen Hotspot vor der südlichen Küste Kambodschas werden. An Selbstbewusstsein fehlt es dem Manager nicht. Die Entscheidung eines Big Players für den Standort dürfe als Signal verstanden werden, ließ er im Vorfeld verlautbaren. Für das Vorhaben wurde denn auch ordentlich Geld in die Hand genommen.

Rund 70 Millionen Dollar sollen in die Anlage auf Koh Russey investiert worden sein, womöglich mehr, die Eröffnung hat sich hingezogen, Infrastrukturprobleme. Doch seit es vom Flughafen Sihanoukville Direktflüge nach Siem Reap und internationale Verbindungen nach Singapur, Bangkok und Kuala Lumpur gibt, herrscht bei internationalen Investoren Goldgräberstimmung in der bislang noch vergleichsweise ruhigen Region.

Sorglos entspannen

Angegraben werden nun die Touristen, die zu den Tempelanlagen von Angkor reisen, 2,6 Millionen waren es im letzten Jahr. In der Vergangenheit haben viele für den Strandurlaub danach das Land verlassen. Das soll nun anders werden. Immerhin liegen vor der Küste von Sihanoukville rund ein Dutzend tropische Privatinseln mit feinen Sandstränden.

Wo könnte man sorgloser entspannen? Auch der Weg in die paradiesische Parallelwelt wurde mittlerweile geebnet. Um auf einer Insel wie Koh Russey zu stranden, braucht man weder die glanzlose, von umtriebigen Chinesen und unzähligen Casinos eingenommene Hafenstadt Sihanoukville durchqueren noch muss man holprige Buckelpisten in Kauf nehmen. Mit einem Wagen ist man in zehn Minuten zügig an der hoteleigenen Anlegestelle an der Küste angelangt.

Gute alte Zeiten

So ist der Franzose Chenevier nicht der Einzige, der die Zukunft des kambodschanischen Luxustourismus auf einer solchen Insel sieht. Im letzten Herbst listete die New York Times Kambodschas Küste unter die 52 „Places to Go“: Fast zeitgleich zu Alila hat auf der zwölf Hektar kleinen Insel Krabey Island eine Dependance der Luxushotelkette Six Senses eröffnet – und das, obwohl die Insel noch nicht einmal über einen Strand verfügt.

Dass sich die Privatisierung der Inseln schon vor zehn Jahren abzeichnete, signalisierte der einheimische Tycoon Kith Meng von der Royal Group mit seinem knapp 100 Jahre währenden Pachtvertrag mit der Insel Koh Rong. Vorreiter für den kambodschanischen Inseltourismus mit allem Pipapo war aber ein australisches Ehepaar. Melita und Rory Hunter kamen Mitte der Nullerjahre ins Land, sie haben die Insel Song Saa für 15.000 Dollar 99 Jahre lang gepachtet, 2012 wurde ihr luxuriöses Eco-Resort mit 27 Villen eröffnet, das erste dieser Art hier. Die 22-Millionen-Dollar-Investition hat die Konkurrenz auf den Geschmack gebracht.

Es scheint, als wolle man in den Luxusresorts an die guten alten Zeiten des Tourismus in Kambodscha anknüpfen, jene Jahre vor Beginn der Schreckensherrschaft der Roten Khmer. In den 1960er-Jahren reiste der westliche Jetset, darunter Catherine Deneuve und Jackie Kennedy, zum Sonnenurlauben an die Côte d’Azur Asiens, heute würden sie wohl auf eine Insel hüpfen.