Südkoreas Tempel öffnen für Touristen ihre Toren

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Meditation und Kampfkunsttraining inklusive – Bis die Gelenke knacken

Seoul. Ein „Kniefall-Marathon“ war weder bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul Wettkampf-Disziplin, noch taugte die sportliche Aktivität als Wettbewerb bei der Winterolympiade 2018 in Pyeongchang. Als „Asiatische Kombination“ mit einem Mix aus Glauben, Meditation und Fitness bietet sich diese Variante aktiven Tuns in Südkoreas Bergen jedoch das ganze Jahr über an. Zu heiß sollte es dann allerdings nicht sein. Außer Frühling ist Herbst die stimmungsvollste Zeit für eine Reise in das Land der Morgenstille.

Zu neuen touristischen Ufern aufbrechen und Südkorea nicht nur sehen, sondern „spürbar“ erleben, raten koreanische Tourismusmanager. Wie wörtlich dieser Vorschlag gemeint ist, merken komfortverwöhnte Mitteleuropäer aber erst beim „Erlebnisbeten“ in einem Mönchskloster. Oberstes Gebot: Immer lächeln.

Anschauungsunterricht bei einer vorerst noch entspannten Begegnung mit Buddha gibt es im zwei Autostunden von Seoul entfernten Seoraksan Nationalpark. Ganz gleich, ob die Route beim Eingangstor Sogongwon schnurstracks auf Wanderwegen ins Gebirge, mit der Seilbahn auf die 1700 Meter hohen Bergfestung Gwongeum oder zur Tempelanlage Shinheungsa geht, alle Pfade führen zu Buddha. Mit Kerzen und Räucherstäbchen in den Händen beten Gläubige vor einer imposanten Statue. Steile Kliffs, plätschernde Wasserfälle und zackige Felsformationen betten die erhabene Erscheinung in ein würdiges himmlisches Landschaftsensemble.

Ein paar Schritte weiter stapeln sich Hunderte schwarze Ziegel. Wanderer kaufen sie für ein paar Euro, schreiben ihre Wünsche auf und steuern so einen Obolus zum Erhalt der Tempel bei: Ist die Kreide auf den Steinen verblasst, erfüllen die „Wunschzettel“ als Dachziegel auf den Tempeln eine praktische, irdische Aufgabe.

Weiter geht die Südkorea-Erfahrung am japanischen Meer in der südwestlichen Provinz Gyeonsangbuk-do. Dort schmiegt sich in einem engen Tal der 1500 Jahre alte Kriegertempel Golgulsa an eine Felswand des Hamwol Bergs. Rund 20 Kilometer östlich der Stadt Gyeongju stehen hier die ältesten buddhistischen Ruinen der vor mehr als 1000 Jahren untergegangenen Silla-Dynastie sowie Koreas einziger Höhlen-Tempel. An der Spitze der Anlage dominiert eine hohe, aus einem Kalkfelsen geschlagene Buddha-Statue das Heiligtum. Sieben von einst zwölf Gebetshöhlen umgeben den Maya-Tathagata-Buddha.

Die Klosteranlage lässt Touristen bei einem „Templestay“ an 365 Tagen im Jahr Koreas buddhistischen Alltag miterleben – ganz egal ob nur ein paar Stunden, mehrere Tage oder Wochen. Der Besuch beginnt meistens in einer Kleiderkammer mit dem strengen Hinweis, keine bunten Kleider zu tragen und diszipliniert dem täglichen Zeitplan zu folgen.

17.30 Uhr: Noch eine halbe Stunde Zeit bis zur abendlichen Zeremonie Balwoo Gongyyang (Gemeinschaftsessen). Ein Mönch lächelt. Dann schiebt er ein Textilbündel über den Tisch. Unter dem linken Arm eine beigefarbene Weste und eine braune schlabberige XXL-Schnürhose, in der rechten Hand das Reisegepäck geht es zum Kleiderwechsel keuchend die Treppen hinauf ins Gästezimmer. Die karge Unterkunft mit zwei Regalen, einem brummenden Kühlschrank und einer Steppdecke als Nachtlager auf dem beheizten Fußboden lässt viel „Raum“ für eine nächtliche Selbstfindung.

Im neonhellen Speisesaal knacken zum ersten Mal die Knochen: Runter auf den harten Holzboden in den Lotussitz und mit Stäbchen das vegetarische Mahl aus vier Schüsseln picken. Wem Reis, Kimchi, scharfes Wurzelgemüse oder Seetang durch das Essbesteck flutschen, bezahlt mangelndes Geschick mit einem knurrenden Magen. Egal.

Beim Sonmudo in der benachbarten Trainingshalle geht das Grummeln ohnehin im dumpfen Poltern der Sprünge und im Knacksen der Gelenke unter. Von Bildern an den Wänden blicken „Erleuchtete“ und Weise auf rund 60 Anfänger aus Asien, Amerika und Europa hinab, die sich redlich mühen, Anweisungen zu Gebetsritualen, Meditationstechniken und Boden-Übungen der Kampfsportart zu folgen.

Sonmudo-Kämpfer würden sich heute noch als Krieger verstehen, übersetzt ein Ordensjünger aus Straßburg die Schilderungen eines koreanischen Mönchs. Im frühen Korea hätten buddhistische Mönche an der Seite von Soldaten die Kultur ihres Landes verteidigt, erklärt der Franzose, der sich für drei Jahre in dem Tempel „verpflichtet“ hat. Ihm gehe es nicht um Kampf, sondern um das Beherrschen seiner Energie: „Du kannst es lernen, wie ein Baby Schritt für Schritt.“

Okay. Und wie geht es nun weiter? Auf die Knie fallen, Körper nach vorne beugen und „in die Cobra“ gehen. Dann Stirn und Hände zum Boden strecken, aufstehen, nieder, aufstehen – oder umgekehrt? Fast 90 Minuten dauert die sportive Schulung mit den Sonmudo-Lehrern, die diese dem Taekwondo verwandte Zen-Kampfkunst nur in Südkoreas Golgulsa Tempel pflegen. Die Muskeln zwicken, Schweiß perlt von der Stirn. Es ist zehn Uhr. Licht aus, Feierabend.

Tock, tock, tock. Von wegen „Land der Morgenstille“. Mit Stockschlägen auf einen Holzkorpus mahnt ein Mönch um vier Uhr früh gnadenlos zum Aufstehen. Kurz darauf kniet in der kleinen schlauchförmigen Dhamma Hall auf Sitzkissen die betende Morgenschar. Gedämpftes Licht, Schweigen. Die Seele relaxt. Ohm!! Das war´s aber mit der Ruhe. Leise, dann immer lauter, immer ekstatischer rezitiert ein Mönch spirituelle Texte. Sein Gesicht ist schweißgebadet. Irgendwann, jenseits vom Jetzt im Zustand des Rausches wird er das Gebet als reinigend und erholsam erfahren. Glaubensbrüder und -schwestern folgen dem Meister leise murmelnd und mit Kniefällen auf dem Weg zum tiefsten Nichts, dem Nirwana.

Zur Fußball-WM 2002 habe sein Land zum ersten Mal Tempel für Besucher aus dem Ausland geöffnet. Heute seien es fast 30 Heiligtümer, in denen Menschen auf der Suche nach dem inneren Licht Geist und Seele erfrischen, erklärt Reisebegleiter Ji-Hon Park später im Reisebus. Nach viel „ora et labora“ dösen alle in den weichen Sesseln vor sich und ersehnen einen heißen Kaffee an der nächsten Raststätte. Nur Ji-Hon Park nicht. Er steht, erzählt – und lächelt.