Thailand kämpft gegen Drogenflut aus Myanmar


 
 
 

Im Osten Myanmars hat sich ein neues Produktionszentrum für synthetische Drogen etabliert. Thailand hat in der Folge einen neuen Drogenkrieg ausgerufen, aber mit geringen Erfolgsaussichten.

Eifrige Mönche, die mit Edelstahlschalen von Haus zu Haus pilgern und Almosen sammeln, sucht man im „Wat Kathu”-Tempel auf der thailändischen Insel Phuket vergebens. Ein kahl geschorener Geistlicher sitzt mit einer Zigarette im Mundwinkel vor dem Gebetshaus. Im Inneren nehmen Verkaufsvitrinen mit Amuletten weit mehr Raum ein als der betagte Tempelabt Khowit, der im Halbstundentakt chinesische Touristengruppen segnet.

Die Geistlichen nehmen es mit der Frömmigkeit hier offenbar nicht so genau. Und doch ist Mönch „Dang“ aus allen Wolken gefallen, als vergangenen Monat statt einem Touristenbus die thailändische Drogenpolizei auf dem Parkplatz des „Wat Kathu“ einkehrte: „Alle Mönche des Tempels mussten zum Urintest antraben. Zu meiner Überraschung wurden sieben unserer Geistlichen positiv auf Methamphetaminkonsum getestet.“ Die Drogensünder mussten ihre safranfarbenen Roben auf der Stelle abgeben, wurden aus der buddhistischen Gemeinschaft ausgeschlossen.

„Drogenflut stoppen“

„Sie müssen die Drogen heimlich konsumiert haben. Wir haben nichts bemerkt“, sagt Mönch „Dang“, der im Tempel für administrative Belange zuständig ist. Die sieben abtrünnigen Mönche wurden verhaftet und müssen mit weiteren Drogendelinquenten an einem Rehabilitationsprogramm der Regierung teilnehmen. Damit sind sie nicht alleine im Königreich: 70 Prozent der Gefängnisinsassen in Thailand sind Drogenabhängige oder -kriminelle. Mindestens 300.000 Thais befinden sich zur Zeit in einem der zahlreichen Rehabilitationszentren. 240.000 von ihnen sind unter 24 Jahre alt, ist aus dem Bericht des nationalen Suchtstoffkontrollamtes ONCB zu entnehmen.

Grund genug für die thailändischen Behörden, einen erneuten „Krieg gegen Drogen“ auszurufen. „Das Militär muss strikte Maßnahmen ergreifen, um die Flut der Drogen zu stoppen“, gab Vize-Premierminister Prawit Wongsuwan Ende Oktober als Parole aus. Seither sind Kommandotruppen des Militärs und Polizei im ganzen Königreich unterwegs, jagen Händler und Konsumenten gleichermaßen. Über 120.000 Drogensünder wurden alleine im November verhaftet.

Erfolgsmeldungen von zweifelhaftem Wert

Erinnerungen an den von Ex-Premierminister Thaksin Shinawatra initiierten „Krieg gegen die Drogen“ von 2003 werden wach. Dieser hatte mehr als 2500 Menschenleben gefordert. Thaksin instruierte damals die Drogenfahnder mit Parolen wie „Verdächtige sollen nur zwei Wege gehen, entweder auf die Friedhöfe der Tempel oder hinter Gitter“, gab so den Einsatzkräften eine inoffizielle Lizenz zum Töten. Eine massive Willkür war die Folge. Laut Menschenrechtsorganisationen starben mehrere hundert Menschen, welche zu Unrecht des Drogenhandels bezichtigt wurden.

Auch die Fortsetzung des Drogenkriegs hat bereits mehrere Dutzend Todesopfer gefordert. Keine Kartellbosse kamen ums Leben, sondern meist einfache Kuriere aus Bergdörfern aus dem Osten Myanmars. Viel lieber sprechen die thailändischen Behörden über die riesigen Mengen an sichergestellten Drogen: „Alleine in Monat November haben wir Ware mit einem Straßenwert von 4.5 Milliarden Baht (121 Millionen Euro) sichergestellt“, verkündet das Militär stolz.

Die tonnenschweren Beschlagnahmungen sind aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein im Vergleich zu den enormen Wellen an synthetischen Drogen, welche tagtäglich in das Königreich kommen. „Genaue Zahlen können wir erst im Februar bekanntgeben, aber die Mengen an synthetischen Betäubungsmitteln, die derzeit Südostasien fluten, übersteigen sogar die letztjährigen Rekordzahlen um ein Vielfaches“, sagt Inshik Sim von der Abteilung für Drogenkriminalität der Vereinten Nationen UNODC. Hoch geschätzt beschlagnahmen die Drogenfahnder gerade einmal zehn Prozent der gesamten Produktion. „Die enormen Mengen gehen auf die massiv gestiegene Drogenproduktion im Goldenen Dreieck zurück“ sagt Sim weiter. Das „Goldene Dreieck“, eine quasi rechtsfreie Region im Grenzgebiet von Myanmar, China, Thailand und Laos, dient den Drogenkartellen als sicherer Hafen und Distributionsquelle gleichermaßen.

Abgeschottete Drogenproduktion im Osten Myanmars

„Hey!“ schreit eine Stimme hinter dem Bambus-Zaun, als der DW-Reporter die Berg-Grenze zur sogenannten „Special Region 4“ im Shan-Staat im Osten Myanmars überqueren möchte. Das bergige Gelände ist weiträumig mit Holzbrettern abgesperrt. „Tscheng Tung, Tscheng Tung“, murmelt der Grenzbeamte aufgebracht, während er nervös auf einer Betelnuss herumkaut. Hinter ihm packt ein Soldat sein Sturmgewehr am Griff, verdeutlicht dem Reporter, dass er schleunigst wieder zurück in die Stadt Kengtung zurückkehren soll.

Im Rücken der Soldaten liegt die Sonderzone 4, mit bilderbuchschönen Berggebieten und sattgrünen Dschungelwäldern und der Kasino-Stadt Mong La. Aber auch die Heimat von rivalisierenden Rebellengruppen, Drogenkartellen und der dominierenden „National Democratic Alliance Army“ (NDAA), einer aus der Kommunistischen Partei Birmas hervorgegangenen Rebellengruppe. Die NDAA ist mit der United Wa State Army (UWSA) verbündet, einer 20.000 Mann starken Miliz der Volksgruppe der Wa, die in der angrenzenden Special Region 2 das Sagen hat und Allianzen zum birmanischen Militär unterhält.

Nachbar China macht keine Probleme – im Gegenteil

Gleichzeitig unterhalten die Machthaber im östlichen Shan-Staat beste Beziehungen zum mächtigen Nachbarn China. Hier wird statt birmanisch chinesisch gesprochen, bezahlt wird mit chinesischen Yuan, und telefoniert wird über das chinesische Telefonnetz. Auch die Zutaten, die chemischen Vorläuferstoffe für die Drogenproduktion, welche meist in kleinen Dschungelzelt-Laboren stattfindet, werden aus dem Reich der Mitte angeliefert, offenbar ohne Probleme bei der Grenzabfertigung.

Zurück in Kengtung empfängt die birmanische Einwanderungsbehörde die DW und erläutert: „Die Sonderzone 4 ist im Moment ein Pulverfass. Konflikte zwischen militanten Gruppen um die Drogenproduktion sind allgegenwärtig. Deshalb lassen wir keine ausländischen Besucher zu. Viele Regionen sind auch für die Lokalbevölkerung geschlossen“, erklärt der Beamte.

Dass tatsächlich die Armee, mit dieser verbündete Milizen wie auch Rebellengruppen in der Sonderzone 4 alle sehr gut von der Drogenproduktion profitieren, wird natürlich nicht extra dazugesagt. Wie die ICG in einem aktuellen Bericht schreibt, bieten solche Enklaven unter „vollständiger territorialer Kontrolle bewaffneter Gruppen, die dauerhafte Waffenruhen mit dem Militär Myanmars getroffen haben“, ideale Voraussetzungen für die ungestörte Produktion von Chrystal Meth in industriellem Umfang.

Ideale Bedingungen für die Drogenindustrie

„Eine gute Infrastruktur, leichter Zugang zu den notwendigen Chemikalien aus China, sowie sichere Produktionsstätten unter dem Schutz von regierungsnahen Milizen wie auch in Enklaven unter der Kontrolle von Rebellen haben den Shan-Staat zu einer Hauptquelle für hochwertiges Chrystal Meth gemacht“, heißt es in dem ICG-Bericht weiter.

Und der Aufschwung der Drogenindustrie im Shan-Staat wird nicht abreißen. Im Rahmen des frisch abgesegneten Multimilliarden-Projekts „China Myanmar Economic Corridor“ (CMEC)” werden bald Straßen saniert und moderne Hochgeschwindigkeitsbahnen eingeweiht, welche die Ostgrenze zu China mit dem Westen Myanmars noch besser verbinden sollen. Damit verbessern sich auch die Bedingungen für illegale Geschäfte. Für die Zukunft des Shan-States als weltweiter Marktführer in der Produktion von synthetischen Drogen sieht es gut aus.